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Der amerikanische Traum in Zahlen

Kein Begriff wird inniger mit den USA assoziiert als der «American Dream». Wie viel er mit der Realität zu tun hat, liess sich lange nicht quantifizieren – bis jetzt.
Von David Leonhardt

Der Ausdruck «amerikanischer Traum» wurde in der Weltwirtschaftskrise geprägt, erstmals taucht er 1931 in einem populären Buch des Historikers James Truslow Adams auf. Adams definierte ihn als «den Traum von einem Land, in dem das Leben besser, üppiger und erfüllter für alle» sein werde. In den Jahrzehnten nach der Krise wurde aus diesem Traum die Realität: Dank eines schnellen, alle Gesellschaftsschichten einbeziehenden wirtschaftlichen Wachstums wuchsen fast alle Kinder der Nachkriegszeit in einer Welt auf, die die grundlegende Definition eines besseren Lebens erfüllte: sie konnten in ihr mehr Geld verdienen und einen höheren Lebensstandard geniessen als ihre Eltern.

Aktuell ist die Sorge um den amerikanischen Traum wohl grösser denn je, doch trotz des Vorhandenseins aller relevanten Daten existierte bisher kein Index, um die tatsächlichen Gründe für diese Besorgnis zu messen. Niemand wusste genau, wie viele Amerikaner heute wohlhabender sind, als es ihre Eltern gestern waren – und wie sich dieser Prozentsatz in den letzten Jahrzehnten entwickelt hat. Die Forschung hierzu ist aufwendig und heikel, schliesslich müssen Wissenschafter hierzu – ganz anders als bei der Erhebung der meisten anderen wirtschaftlichen Statistiken – einzelne Familien über einen langen Zeitraum beobachten, ein einmaliger Schnappschuss des Landes reicht nicht aus.

Der Durchbruch gelang einem von Stanford-Professor Raj Chetty geleiteten Ökonomenteam vor einigen Jahren, als es Zugriff auf Millionen von Steuerdaten, die sich über Jahrzehnte erstreckten, erhielt: Die Daten waren anonymisiert und wurden nur unter strikten Geheimhaltungsauflagen herausgegeben, dennoch war es damit erstmals möglich, verschiedene Generationen und ihren Wohlstand miteinander zu verbinden, um sie dann zu vergleichen. Die so entstandene Untersuchung gehört zu den alarmierendsten Werken der jüngsten Ökonomiegeschichte, denn die Resultate zeigen, dass die Wahrscheinlichkeit, in den USA der Armut zu entkommen, je nach Region stark variiert – eine Erkenntnis, die seither u.a. die Wohnungsbaupolitik der Regierung beeinflusst hat.

Nach Erscheinen der Untersuchung regte ich bei Chetty und seinen Kollegen an, dass dies die Gelegenheit sei, etwas zu tun, was noch keiner vor ihnen getan hatte: einen Index des amerikanischen Traums zu erstellen. Das Team investierte viel Zeit und Arbeit in das Projekt, zog historische Volkszählungen heran, um auch längst vergangene Jahrzehnte einzuschätzen. Sie konstruierten ein Datenset1, das in Prozenten zeigt, wie viele US-amerikanische Kinder mehr – oder weniger – verdienen als ihre Eltern im selben Alter.

Der Index ist zutiefst alarmierend, denn er zeichnet das Por-trät einer Gesellschaft, die viele Menschen enttäuscht. Wer bisher dachte, dass er in einem Land lebe, in dem das Dasein immer besser werde, sieht sich immer öfter völlig konträren Fakten gegenüber. Die damit einhergehende Frustration in grossen Teilen der Bevölkerung hilft nicht nur, den verstörenden Erfolg der Trump-Kampagne des vergangenen Jahres besser zu verstehen, sondern auch den wachsenden Argwohn der Amerikaner gegenüber praktisch allen gesellschaftlichen Institutionen – Regierung, «Corporate America», Gewerkschaften, Medien und organisierte Religionen inklusive. Aber die Daten erlauben es auch, den Weg zu manch vielversprechender Lösung zu skizzieren. Was genau fand Chettys Team heraus?

Amerikanische Träumer

Alles beginnt mit den im Jahr 1940 geborenen Kindern – ein knappes Jahrzehnt erst ist seit der Veröffentlichung von Adamsʼ «The Epic of America»2 vergangen. Die Wissenschafter gingen davon aus, dass viele dieser Kinder mehr verdienten als ihre Eltern, waren aber, wie der an der Untersuchung beteiligte Soziologe David Grusky betonte, doch überrascht, dass es auf so gut wie alle zutraf. In Zahlen: ungefähr 92 Prozent der Babys von 1940 hatten mit 30 Jahren ein höheres vorsteuerliches und inflationsbereinigtes Haushaltseinkommen als ihre Eltern im selben Alter. Die Resultate fielen ähnlich aus bei höherem Alter und in bezug auf die nachsteuerlichen Einkommen.

Auch die wenigen Kinder von 1940, die weniger als ihre Eltern verdienten, kamen in den meisten Fällen ganz gut weg, denn die meisten verdienten vor allem deshalb weniger, weil sie in reichen Familien aufgewachsen waren – die Kinder von Firmenchefs oder hochrangigen Angestellten, die selbst vielleicht «nur» Ärzte, Rechtsanwälte oder Professoren wurden.

Das Erreichen des amerikanischen Traums war also praktisch garantiert für diese Generation, einerlei, ob die einzelnen Menschen aufs College gingen, sich scheiden liessen oder entlassen wurden. Warum war das so? Weil sie die ersten ihrer Berufsjahre in einer Wirtschaft mit zwei wunderbaren Eigenschaften bestritten hatten: Sie wuchs rasant, und die Fülle ihres Wachstums floss gleichermassen zu den Reichen, zur Mittelklasse und zu den Armen.

Nicht einmal die ältesten Babyboomer, die in den späten 1940ern und frühen 1950ern geboren wurden, würden noch einmal ein solches Glück haben: Als sie in den 1970ern auf den Arbeitsmarkt traten, begann sich das wirtschaftliche Wachstum bereits zu verlangsamen – zu einem guten Teil erklärbar durch die Ölkrise. Nichtsdestotrotz würden immer noch mehr als drei Viertel dieser frühen Babyboomer mehr verdienen als ihre Eltern.

Aus den abgebildeten Grafiken lässt sich der Trend gut herauslesen. Jede Linie zeigt den Prozentsatz der Kinder, die in einem bestimmten Jahr geboren wurden und die mehr verdienten als ihre Eltern. In Armut geborene Kinder stehen auf der linken und die, die in Reichtum geboren wurden, auf der rechten Seite. Das Bedenkliche: die Kurve fällt über die Jahre kontinuierlich ab, unabhängig davon, welcher sozialen Schicht man angehört haben mag.

In den 1980ern begann auch bereits die wirtschaftliche Ungleichheit zu wachsen – ein Resultat der Globalisierung, des technologischen Wandels und einer Regierungspolitik, die de facto die Begüterten bevorzugte: Es wurden Errungenschaften in der Bildungspolitik rückgängig gemacht, das Fähigkeitslevel der Arbeitsbevölkerung stagnierte oder sank. Gemeinsam drückten diese Faktoren vor allem auf die Einkommen der Mittelklasse und der Armen. Auch der Tech-Boom der 1990er konnte nur eine Zeitlang helfen, den längst induzierten Niedergang des amerikanischen Traums zu verlangsamen.

Für die in den frühen 1980ern geborenen Babys, die heute 34- bis 37-Jährigen, fiel der Index des amerikanischen Traums auf
50 Prozent: Nur die Hälfte von ihnen verdient also so viel wie oder mehr als ihre Eltern. In den Staaten des Mittleren Westens, die 2016 Trump wählten, war dieser Anteil einmal höher als der landesweite Durchschnitt – heute liegt er um einige Prozente tiefer. Der Rückwärtsgang wurde hier zur neuen Norm, und das hat Konsequenzen: Psychologische Untersuchungen zeigen, dass die relative Position im Leben die eigene Zufriedenheit beeinflusst, und es gibt nun einmal kaum einen wichtigeren Vergleich als den mit den eigenen Eltern. Nehmen wir als Beispiel das Weihnachtsfest: «Man kommt für die Feiertage nach Hause und vergleicht seinen Lebensstandard mit dem der Eltern», sagt Grusky. «Das ist eine der wenigen lebenslangen Verbindungen: Freunde kommen und gehen, aber die Eltern bleiben.»

Der Schlüssel ist die Verteilung

Was kann getan werden, um Adamsʼ Traum eines «besseren, üppigeren und erfüllteren» Lebens für alle wiederzubeleben? Die Antwort: schnelleres Wirtschaftswachstum. Allerdings nützt es in diesem Fall nur in Verbindung mit einer besseren Verteilung. Was einfach klingt, ist tatsächlich enorm schwierig. Zwar hat Trump versprochen, alles zu tun, um das BIP wieder zu steigern – konkrete Einzelheiten ist er aber bislang schuldig geblieben. Allein mit Deregulierungen und Steuersenkungen, beides in den vergangenen Jahrzehnten häufig probiert, dürfte er keinen Erfolg haben.

Die gute Nachricht dürfte sein, dass das Ankurbeln des Wachstums die weniger wichtige Seite der Gleichung ist, wie Nathaniel Hendren bemerkt, ein anderer am Projekt beteiligter Wissenschafter: Der Anstieg der Ungleichheit hat dem amerikanischen Traum nämlich mehr geschadet als die Verlangsamung des Wachstums. Es hilft, sich an dieser Stelle in Erinnerung zu rufen, dass die amerikanische Wirtschaft heute viel grösser und produktiver ist als 1980, auch wenn sie nicht mehr so schnell wächst. Das BIP pro Kopf ist fast doppelt so hoch wie damals. Dies allein sollte es den meisten Kindern bereits möglich machen, ein besseres Leben zu leben als ihre Eltern – dass das nicht so ist, liegt daran, dass die Früchte des Wachstums überproportional stark an diejenigen gegangen sind, die ohnehin schon wohlhabend waren.

Die Forscher um Chetty haben mit den gewonnenen Daten eine Simulation durchgeführt, in der die letzten Jahrzehnte mit dem tatsächlichen Wachstum des BIP, aber ohne den nach 1970 einsetzenden Anstieg der Ungleichheit betrachtet wurden. So sprang der Anteil der 1980er Babys, die mehr verdienten als ihre Eltern, von 50 auf 80 Prozent. Der Anstieg fiel mit 62 Prozent bescheidener aus in jener Simulation, die die Ungleichheit konstant hielt, aber davon ausging, dass das Wachstum sich beschleunigen würde. «Wir brauchen also ein ausgeglicheneres Wachstum, wenn wir den amerikanischen Traum wieder beleben wollen», sagt Chetty.

Was bedeutet das konkret? Angesichts der heutigen globalisierten Hightech-Wirtschaft ist es wohl am besten, mehr Kindern aus Familien mit mittleren oder niedrigen Einkommen zu helfen, jene Fähigkeiten zu erlernen, die für die gutbezahlten Jobs wichtig sind. Bemerkenswerterweise verdienen ja die meisten Collegeabsolventen immer noch mehr als die Eltern, wie andere Daten zeigen – wohlgemerkt auch nachdem man die Studienschulden miteinbezogen hat. Aber Bildung ist nicht die einzige Antwort: Die Einkommen stagnieren auch, weil die Macht grosser Konzerne in Washington gestiegen ist, die Gewerkschaften geschwächt wurden (was zu Profiten auf Kosten der Löhne führte) und der Niedergang der 2-Kinder-Familie offensichtlich ist. Die Steuerpolitik hat nicht genug getan, um solche Auswüchse einzudämmen: Die Mittelklasse, nicht die Wohlhabenden, verdient eine Steuersenkung.

Die schmerzhafte Ironie von 2016 ist, dass Nostalgie und Wut über das Verblassen des amerikanischen Traumes zur Wahl eines Präsidenten führten, der diesen Traum für die meisten in noch weitere Ferne rücken wird, indem er ihnen ihr Krankenkassenmodell streicht und ineffiziente Schulgutscheine propagiert, während er denjenigen weitere Vorteile verschafft, die ohnehin bereits eine hervorragende Ausgangslage zur Erreichung ihrer Ziele hatten. Jeder einzelne dieser Punkte wird einen künftigen Kampf rechtfertigen. Denn: wenn der amerikanische Traum die grosse Depression überstand und aufblühte, wie sich das niemand zuvor hatte ausmalen können, so wird er auch unsere aktuellen Pro-bleme überstehen.

 

 


1 Vgl. Raj Chetty, David Grusky, Maximilian Hell, Nathaniel Hendren, Robert Manduca und Jimmy Narang: The Fading American Dream. Trends in Absolute Income Mobility since 1940. Cambridge: National Bureau of Economic Research, 2016.
2 In seinem Buch «The Epic of America» prägte James Truslow Adams den Begriff «American Dream».

 


Mitarbeit: Kevin Quealy. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Gregor Szyndler und zuerst erschienen in der New York Times vom 11. Dezember 2016.
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David Leonhardt
ist US-amerikanischer Journalist. Er schreibt seit 1999 für die «New York Times», 2011 wurde er für den Pulitzer-Preis für Kommentare nominiert.




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