Nennen wir ihn Albert. Albert ist seit je als prinzipientreu, bodenständig und wenig extravagant bekannt. Durchaus auch dergestalt veranlagt, sucht er nicht unentwegt die Abwechslung, sondern bevorzugt ein strukturiertes, vorhersehbares und familiäres Umfeld. Durch Erfahrungen lernt er, dass Traditionen, Regelmässigkeiten, formale Übereinkünfte und unverrückbare Vorstellungen probate Mittel sind, um das Leben und dessen Herausforderungen zu meistern. Menschen wie Albert entwickeln sehr wahrscheinlich bewahrende, also konservative Einstellungen und suchen sich Weggefährtinnen und Weggefährten, die ähnlich ticken und ihre Wert- und Glaubenssysteme nicht ständig und unnötig herausfordern. Es ist auch naheliegend, dass seine politischen Präferenzen bei denjenigen Akteuren und Organisationen liegen, die die Überschaubarkeit der Lebensbedingungen zum politischen Programm ausrufen.

Schauen wir nun auf Carmen. Carmen ist anders veranlagt als Albert, sie gilt seit Kindesbeinen als verständnisvoll und zuvorkommend und geht Konflikten gerne aus dem Weg. Sie favorisiert eine harmonische, hilfsbereite und vertrauensvolle Umgebung. Im Laufe ihres Lebens lernte sie dessen Tücken durch Zurückhaltung, Bescheidenheit und Toleranz zu meistern. Menschen wie Carmen suchen nicht unbedingt die politische Auseinandersetzung und den Wettbewerb ideologisch gefärbter Argumente. Sofern sie überhaupt ein politisches Interesse hegen, sympathisieren sie am ehesten noch mit Parteien, die für Kompromissbereitschaft und respektvolles Miteinander stehen oder den sozialen Ausgleich und die solidarische Bewahrung individueller Lebenschancen verfolgen.

Bei beiden Charakteren zählen – trotz grosser Differenzen in der Weltanschauung – Mut und Risikofreude nicht unbedingt zur seelischen Grundausstattung. Beinahe jeder von uns kennt einen Albert oder eine Carmen, was kein Wunder ist, denn ihre Wesenszüge werden von sehr vielen Schweizerinnen und Schweizern geteilt: Ein Grossteil der hiesigen Bürgerinnen und Bürger bezeichnen sich vom Wesen her als Alberts oder Carmens. Auf den Innovationsgeist und die Politik im Land hat das enorme Auswirkungen – es lohnt sich deshalb, einmal näher hinzuschauen.

Die «Big Five» der menschlichen Charaktere

Einsichten zu seelischen Profilen unserer Landsleute lassen sich aus dem in der Persönlichkeitspsychologie gängigen OCEAN-Modell destillieren, das auf einer Gewichtung von fünf Charakterzügen («Big Five») beruht: Offenheit für Erfahrungen (Wie empfänglich sind Sie für Unbekanntes?), Gewissenhaftigkeit (Wie penibel sind Sie?), Extraversion (Wie leutselig sind Sie?), Verträglichkeit (Wie liebenswürdig und kollegial sind Sie?) und Neurotizismus (Wie empfindlich und zaghaft sind Sie?). Persönlichkeitspsychologen gehen davon aus, dass diese fünf Wesensmerkmale zu einem erheblichen Teil von Generation zu Generation weitergegeben werden, unsere direkten Vorfahren also unsere Vorlieben prägen. Dazu verändern sich die Charakterzüge im Laufe der Lebensjahre nur wenig. Wer in jungen Jahren unter Gleichaltrigen zu den Partylöwen zählte, wird auch im Alter die Geselligkeit suchen, nur eben nicht mehr mitten auf der Tanzfläche und mit weniger lauter Musik.

Die Offenen

Offene Personen streben immerzu nach neuen Erfahrungen, Erlebnissen, Ideen und neuen Handlungen. Sie suchen nicht die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten, sondern die herausforderndste. Überdies sind sie eher geneigt, bestehende Normen und Wertvorstellungen kritisch zu hinterfragen. Mut und Risikobereitschaft sind treue Begleiter ihrer Vorhaben. Offene Menschen bilden sich gerne weiter, entwickeln immerwährend neue Ideen der Wohnungseinrichtungen und erproben unbekannte Lokale, Speisen oder Reiseziele. Ein derart veranlagter Bürger zahlt ehrlich seine Steuern und beäugt kritisch die Regierungsarbeit. Weiterhin gehört für offene Personen die Aktivität in Vereinen und die Toleranz gegenüber anderen Argumenten ebenso zu den Grundtugenden eines guten Bürgers wie das Sichkümmern um Menschen unabhängig ihrer geographischen Lage. Wer sich selbst einen offenen Charakter attestiert, bringt dem politischen Geschehen ein grosses Interesse entgegen und schätzt sich selbst entsprechend kompetent ein. Offene Menschen votieren in der Schweiz für den Erhalt der bilateralen Beziehungen, wären einem Beitritt zur Europäischen Union nicht völlig abgeneigt und sehen in der Zuwanderung sowohl eine materielle wie kulturelle Bereicherung. Das inhärente Verlangen zum Erproben neuer Handlungsweisen schlägt sich im Verlangen nach politischer Mitsprache und Beteiligung nieder, sei es über die Kanäle der Wahl- und Abstimmungsdemokratie oder über unkonventionelle Wege des Protestes oder des Boykotts ausgewählter Produkte als Folge politischer, ethischer oder ökologischer Motive. Das Ganze darf off- wie online geschehen. Die Digitalisierung der Gesellschaft wird von dieser Gruppe als Chance der Entwicklung verstanden.

Die Gewissenhaften

Wenn Sie sich selbst fragen, ob Sie ein Mensch mit ausgeprägter Gewissenhaftigkeit sind, dann evaluieren Sie einmal im Stillen ihren Hang zur Ordnungsliebe, zum Pflichtbewusstsein sowie zum Streben nach Leistung, Selbstdisziplin, Konformität und dem Erhalt des Status quo. Sie bewahren Dinge dort auf, wo sie «hingehören», oder? Gewissenhafte Menschen kommen auch gerne etwas früher zu einer Verabredung, machen das Bett, wenn sie aus dem Haus gehen, und lassen das verschmutzte Geschirr nicht unnötig lange in der Küche herumstehen. Eine Kultur der Umwege ist ihnen fremd. Mit ihrem genauen und zuverlässigen Handeln sind sie stattdessen darauf bedacht, formelle Regeln einzuhalten und Unerwartetem aus dem Weg zu gehen. In den Augen gewissenhafter Menschen gebietet es sich für vorzeigbare Staatsbürgerinnen und -bürger, an Wahlen teilzunehmen, keine Steuern zu hinterziehen, Gesetze und Vorschriften zu achten sowie die Arbeit ihrer Regierung zu verfolgen. Hilfsbedürftigen soll geholfen werden, eine Unterstützung von Menschen ausserhalb der Schweiz gehört für Personen mit ausgeprägter Gewissenhaftigkeit allerdings nicht zu den Grundtugenden. Switzerland first! Obschon also auch gewissenhafte Menschen meinen, politische Vorgänge kompetent beurteilen zu können, bildet dieser Wesenszug in seiner Wirkung auf das politische Denken und Handeln in vielerlei Hinsicht den Gegenpol zur oben skizzierten Offenheit: Die Angst vor Kontrollverlusten lässt sie für eine politische Abschottung plädieren. Sie lehnen einen EU-Beitritt rigoros ab, sprechen sich klar gegen Zuwanderung auch auf Kosten der bilateralen Beziehungen aus, glauben nicht an eine materielle wie kulturelle Bereicherung durch Immigration.

Die Extrovertierten

Extrovertiert geltende Personen werden als gesprächig, gesellig, aktiv, energievoll, kontaktfreudig und mitunter als durchsetzungsfähig sowie sozial dominant charakterisiert. Extrovertierte gehen auf Partys auf Fremde zu und stellen sich ungefragt vor. Sie machen auch inmitten der Gruppe aus ihrer abweichenden Meinung oftmals keinen Hehl und leben eine gewisse Herr-im-Haus-Mentalität. Hohe Werte auf der Extrovertiertheitsskala gehen mit der Verpflichtung zur Wahlteilnahme und mit einem Engagement in Vereinen einher. Die Einhaltung von Gesetzen und Vorschriften gehört für diese Menschen indes nicht zu den grundlegenden Tugenden eines guten Bürgers.

Ihrem Naturell entsprechend sind extrovertierte Personen politischen Vorgängen gegenüber aufgeschlossen und fühlen sich ausgesprochen wohl, wenn über Politik gesprochen wird. Wie die Gewissenhaften verweigern aber auch extrovertierte Menschen einer politischen Öffnung tendenziell ihre Zustimmung. Ihren Hang zur Geselligkeit, Aktivität und Kontaktfreude leben sie vor allem in der Ausübung unkonventioneller Beteiligungsformen aus. Wie der Charakterzug der Offenheit ebnet auch die Extraversion den Weg hin zu vermehrten politischen Online-Aktivitäten durch die Nutzung sozialer Medien.

Die Verträglichen

Verträgliche Personen gelten als vertrauensvoll, altruistisch, gutherzig, hilfs- und kompromissbereit. Sie suchen Harmonie in der Beziehung zu anderen, verhalten sich nachgiebig und suchen nicht unbedingt Herausforderungen. Sie betonen die guten Eigenschaften anderer, wenn über diese geplaudert wird, beteiligen sich ungern an Gerüchten und gehen Auseinandersetzungen aus dem Weg. Verträgliche Menschen gelten im Arbeitsprozess als verlässliche Teamplayer und Moderatoren, zeigen sich aber weniger als Führungspersönlichkeit. Unerlässlich ist für die Verträglichen das Einhalten von Recht und Gesetz, dazu vertreten sie die Ansicht, dass Steuerbetrug nicht zu einem moralisch vorbildlichen Verhalten zu zählen ist. Auch die Offenheit gegenüber Argumenten anderer sowie zu erbringende Hilfeleistungen für Bedürftige zählen für sie zum Tugendkanon. Allerdings bringen sie der Politik ganz allgemein nur ein geringes Interesse entgegen. Die dort praktizierte Konfrontation unterschiedlicher Meinungen sowie die teilweise rigorose Artikulation und Durchsetzung eigener Interessen auf Kosten des Miteinanders entsprechen nur wenig ihrem Wesenszug. Darüber hinaus sind sie für politische Botschaften nur schwer empfänglich, da sie sich einer diesbezüglichen Informationsversorgung weitgehend entziehen und weder Radio und Fernsehen noch Print- und soziale Medien konsumieren. Es mag beunruhigend sein, wenn sich gerade der ausgleichende und konsensorientierte Menschenschlag von der politischen Informationsversorgung abnabelt. Die Analysen zeigen aber auch, dass diese freundlich gestimmten Politikabstinenten keine verdrossenen «Wutbürger» sind. Verträglichkeit geht in der Schweiz mit einer hohen Demokratiezufriedenheit und grossem Vertrauen in die Regierungen auf Bundes-, kantonaler und lokaler Ebene einher.

Die Neurotischen

Mit Neurotizismus ist die «Disposition zu übermässiger Besorgtheit» gemeint. Neurotische Menschen werden als ängstlich und leicht reizbar beschrieben. Sie reagieren überdurchschnittlich unsicher, nervös und starten meist mit einer Verunsicherung über verschlossene Haustüren und abgestellte Herdplatten in ihre Ferien. Da sie Gefahren allerorten wittern, halten sie beständig die Augen offen. Mit hohen Werten des Neurotizismus korrespondiert auch die untadelige Verpflichtung, Bedürftigen unter die Arme zu greifen. Zudem sehen emotional eher instabile Menschen im Vereinsengagement eine Grundtugend. Ihre Informationen beziehen verunsicherte und ängstliche Menschen hauptsächlich aus dem Boulevard und aus dessen augenfälligen und handfesten Schlagzeilen. Wer sich als neurotisch oder emotional wenig belastbar einstuft, den überkommt des öfteren ein ungutes Gefühl, wenn in seiner Gegenwart über Politik gesprochen wird. Ferner bekundet er Mühe, politische Sachverhalte zu verstehen, und zeigt sich – vielleicht genau deshalb – stets unzufrieden mit dem Zustand der Demokratie.

Sie sehen: sowohl der zielstrebige, bodenständige und regeltreue Gewissenhafte als auch der gesellige, durchsetzungsfähige und sozial dominant auftretende Extrovertierte bevorzugen eher «rechte» politische Positionen. Zu «linken» Standpunkten neigt hingegen, wer sich als freundlich, offen oder auch als besorgt und ängstlich einstuft.

Das Private formt das Politische

Auch wenn diese Beziehungen zwischen Charakter und politischen Überzeugungen für manche wenig überraschend sein mögen, schlummert darin eine wesentliche Erkenntnis: Wenn das wissenschaftliche Instrument der Persönlichkeitspsychologie imstande ist, alltäglich und fallweise Bekanntes systematisch einzufangen, spricht dies für die Güte dieser Art der Charaktermessung. Mehr noch: durch diese Gewissheit avanciert die Seele des Bürgers zu einer ernst zu nehmenden Grösse in der Erklärung und Analyse politischer Ergebnisse und Befindlichkeiten. Damit lassen sich nun die spannenden Fragen beantworten: Wo im Land dominiert welcher Charakter? Ticken Frauen und Männer signifikant unterschiedlich? Wie schätzen Herr und Frau Schweizer sich selbst ein – und wohin führt das?

Die Selbsteinschätzung

Rund die Hälfte der erwachsenen Bevölkerung stuft sich gemäss Befragungen als bodenständig, strukturkonservativ, regelgebunden, vorsichtig und keinesfalls leichtsinnig ein – sie attestiert sich damit einen ausgeprägten Grad an Gewissenhaftigkeit. Beinahe 40 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer suchen ausgewogene Beziehungen und halten sich zudem für besonders mitfühlend, nett, verständnisvoll, herzlich und kooperativ, will sagen: für verträglich im Umgang mit anderen. Eine gewisse Offenheit für neue Erfahrungen, also eine positiv verstandene intellektuelle Neugier, Originalität und das Hinterfragen von Normen und Werten, bescheinigt sich demgegenüber nur etwa ein Viertel. Noch weniger Menschen schätzen sich als besonders gesprächig, gesellig, durchsetzungsfähig, aktiv und energievoll und damit als extrovertiert ein (nur etwa 14 bis 19 Prozent). Und nicht einmal 5 Prozent nehmen sich als besonders angespannt, nervös und ängstlich wahr.

Das Geschlecht

Schweizer Frauen sind mitunter zwar emotional instabiler, stufen sich dafür aber im Gegensatz zu ihren männlichen Weggefährten als offener, gewissenhafter, kooperativer und geselliger ein. Auffallend ist ferner, dass sich die jüngste Generation zwischen 18 und 30 Jahren im Vergleich zu den älteren Kohorten als angespannter und ängstlicher einschätzt. Wir finden darüber hinaus offene Menschen eher in Städten als in der Agglomeration oder auf dem Land. Gerade hier sind aber gewissenhafte Menschen eher beheimatet.

Die Verteilung nach Sprachregionen

Stellen wir die Sprachregionen einander gegenüber, zeigen sich die welschen Schweizerinnen und Schweizer emotional instabiler, weniger kompromissbereit und tendenziell auch weniger gewissenhaft als die Deutschschweizerinnen und Deutschschweizer. Umgekehrt sind die Westschweizer – und insbesondere auch die Tessiner – offener als ihre deutschsprachigen Mitbürgerinnen und Mitbürger. Italienischsprachige Schweizerinnen und Schweizer schätzen sich im Vergleich zu Deutschschweizern wiederum als weniger verträglich, extrovertiert und gewissenhaft ein. Deutschschweizer ähneln im übrigen ihren nördlichen Nachbarn und die Romands weisen vergleichbare Grundtendenzen wie die Franzosen auf.

Am Rande der Gesellschaft: die Mutigen

Die Schweiz präsentiert sich damit als Land der Netten und Gewissenhaften. Sie schaffen eine Atmosphäre kuscheliger Gründlichkeit und drängen Mut, Durchsetzungsvermögen und Risikobereitschaft eher an die Ränder der Gesellschaft. Wie erwähnt bleibt dieses Psychogramm für Politik und Wirtschaft nicht folgenlos. Dafür sorgt allein schon die institutionelle Architektur des Landes, in der sich die vorherrschenden Charakterzüge seit jeher eingravieren: Nichts gibt die grundlegenden Neigungen der Verträglichkeit besser wieder als die Konkordanz, ein Verfahren des gütlichen Miteinanders zur Entscheidungsfindung, an dem sich alle wichtigen politischen Akteure und bisweilen auch Minderheiten beteiligen. Konkordanz stellt einen politischen Stil der Auseinandersetzung dar, in dem der Mehrheitsregel keine zentrale Bedeutung beigemessen wird und in dem die Kompromisssuche der Beteiligten im Zentrum steht. Dieses Verfahren beruht auf den Facetten der Verträglichkeit. Vertrauen, Freimütigkeit, Altruismus, Entgegenkommen, Bescheidenheit und Gutherzigkeit prägen im besten Falle das soziale Miteinander der verantwortlichen Akteure. Im Sinne des Verträglichen schaffen derartige Arrangements politische Stabilität durch die Integration der massgebenden Interessen. Nicht umsonst münden diese Bemühungen laut dem empirischen Demokratieforscher Arend Lijphart in einer «freundlicheren und sanfteren Gesellschaft».1

Diese Wattebauschdemokratie gerät allerdings ins Stocken, wenn rasche Antworten auf kurzfristig auftauchende Herausforderungen gesucht oder klare Kurswechsel in Zeiten einer zunehmenden Polarisierung der Meinungen gefordert werden. Eine treue Begleiterin der auf Harmonie bedachten Aushandlungsdemokratie sind die weltweit einzigartigen Volksrechte als institutionell geronnene Gewissenhaftigkeit. Kein anderes Volk bemüht sich fleissiger um die gründliche Aufarbeitung politischer Streitfragen an den Abstimmungsurnen entlang der föderalen Staatsebenen. Die direkte Demokratie verlangsamt den politischen Prozess zwar in vielerlei Hinsicht, bietet aber eben auch eine Ventilfunktion bei gärenden wirtschafts- oder gesellschaftspolitischen Problemen. Sie erlaubt nur eine überschaubare Politik der Trippelschritte, verleiht dafür aber Identität und sorgt für Bodenhaftung. Durch die Hintertür des eingebauten Ständemehrs erhalten die auf dem Land lebenden Gewissenhaften einen zusätzlichen Hebel für ihre strukturerhaltenden, meist konservativen Positionen. Allerdings gilt es anzumerken, dass die Volksrechte in Form von Referenden nicht nur als Bremse, sondern durch die Volksinitiative auch als Gaspedal für Innovationen wirken können. Im Unterschied zum obligatorischen oder fakultativen Referendum, bei dem es grundsätzlich um die Verhinderung einer Parlamentsvorlage geht, will die Volksinitiative gerade das Gegenstück zum Status quo, nämlich die Veränderung, und trägt damit den Wesenszug der Offenheit in sich. Nichtsdestotrotz sind Konkordanz und Direktdemokratie sowie die dahinterstehenden Wesensmerkmale der Verträglichkeit und Gewissenhaftigkeit offensichtliche Hindernisse einer ausgeprägten Risikokultur.

Die realpolitischen Folgen mangelnder Risikofreude

Angesichts der institutionellen Absicherung der vorherrschenden Charakterzüge und der Überzahl der Gewissenhaften sollte der Mangel an Risikofreude oder das Zaudern beim Politikwandel in der Schweiz deshalb wenig erstaunen. Das nationale Temperament verleiht risikoreichen Vorgehensweisen nur wenig Rückendeckung, die mehrheitlich konservative Stimmbürgerschaft liebt kalkulierbare Lösungen und ist weder für Experimente noch für grosse Würfe empfänglich. Dem mutig-visionären wird allzu gerne der pragmatisch-berechenbare Politikvorschlag vorgezogen. Dies hat Folgen für die Innen- wie für die Aussenpolitik und anstehende Reformprojekte. Nicht nur für die anstehende No-Billag-Initiative, die letztlich allen demoskopischen Unkenrufen zum Trotz einen schweren Stand haben dürfte.

Vorstellungen über die Öffnung des Landes sollten derweil nicht aus den Augen verlieren, dass die Mehrheit an gewissenhaften und extrovertierten Schweizerinnen und Schweizern tendenziell für eine politische Abschottung plädiert. Eine Willkommenskultur gegenüber fremden Richtern wird vor diesem Hintergrund nur schwer Fuss fassen können. Das Tauziehen um den aussenpolitischen Kurs können die Offenen nur gewinnen, wenn sie die mehrheitlich politikabstinenten, weil verträglichen Schweizerinnen und Schweizer aus ihrer Kuschelecke fallweise auf ihre Seite ziehen und zum Mitmachen begeistern können.

Initianten von Projekten zur Altersvorsorge wiederum müssen zur Kenntnis nehmen, dass neben den ängstlichen vor allem auch gewissenhafte Menschen tendenziell eine Erhöhung des Rentenalters ablehnen. Es mag sein, dass die mit der Verlängerung der Arbeitszeit verbundenen Risiken und Erwartungsunsicherheiten als zu gross empfunden werden. Denkbar ist auch, dass gerade gewissenhafte Menschen der Meinung sind, sich bis 65 genügend in der Arbeitswelt aufgerieben zu haben, und ein Anrecht reklamieren, zu den bislang geltenden Regeln in den wohlverdienten Ruhestand treten zu dürfen.

Künftige Vorstösse zur Sicherung der Rentenkassen tun gut daran, diese charakterlich bedingte Voreinstellung beim Grossteil der Stimmberechtigten in Rechnung zu stellen. Die Mühlen der Schweizer Politik müssen hier – wie beinahe überall – gründlich und behutsam mahlen.


Markus Freitag
ist ordentlicher Professor am Institut für Politikwissenschaft der Universität Bern. Sein neues Buch «Die Psyche des Politischen. Was der Charakter über unser politisches Denken und Handeln verrät» ist soeben bei NZZ-Libro erschienen.