Schweizer Monat / Ausgabe 1050
Oktober 2017

Von Elisabeth Schoch

 Vor zwei Wochen wurde ich angefragt, eine Blattkritik für den «Schweizer Monat» zu erstellen. Natürlich mache ich das sehr gerne! Es ist nämlich ein Magazin, das mich als liberale und engagierte Politikerin und Unternehmerin immer beeindruckt hat. Die Kehrseite ist natürlich, dass man das Magazin von hinten bis vorne analysieren und lesen muss. Und so begleitete mich das Magazin die letzten zwei Wochen überallhin. Die Artikel sind lang und man muss sich einen «Schupf» geben, um mit dem Lesen zu beginnen. Doch dieser «Schupf» lohnt sich. Und dank der App geht das in Tram, Bus, Zug oder beim Warten inzwischen auch viel einfacher. Jedenfalls ist das sinnvoll investierte Zeit.

Die drei Schwerpunktthemen der aktuellen Ausgabe sind relevant und aktuell. Die porträtierten Persönlichkeiten haben durchwegs eine hohe Kompetenz in ihrem Thema. Hintergrundwissen also aus erster Hand und aus verschiedener Optik beleuchtet. Eine wohltuende Abwechslung zum Mainstream-Journalismus.

Mir gefällt der Aufbau «Weiterdenken, Vertiefen, Erzählen» sehr gut:

Unter Weiterdenken gefielen mir die Gedanken von Kacem El Ghazzali über die Reformfähigkeit und notwendigkeit des Islams. Im Zusammenhang mit der 500-Jahr-Reformationsfeier ist es interessant, auch über andere Religionen nachzudenken – der Islam betrifft uns ja inzwischen alle. Etwas ausserhalb des Reformationsthemas ist der Artikel «Kampf um Fördermittel» von Andrea Degen. Inhaltlich jedoch hochspannend und Einblick gebend: mit Fakten, die in der Beurteilung der Beziehung zur EU schlicht übersehen werden.

Im Bereich Vertiefen werfen wir einen Blick in die Zukunft und nehmen eine kritische Reflexion vor über die Digitalisierung, die Automation und die Datenspeicherung. Der Artikel über die vermessene Gesundheit zeigt auf, wie sich niemand der Digitalisierung entziehen kann, denn Gesundheit geht uns alle etwas an. Das ganze Thema ist insgesamt optimistisch und erfrischend abgehandelt. Besonders gefiel mir der Leitartikel von Sherry Turkle mit ihrer provokativen Aussage «Wir stumpfen ab. Plädoyer gegen das unmündige Leben in seichter Harmonie». Das regt zum Nachdenken an – das Magazin lohnt sich schon nur wegen dieses Artikels.

Nach dem gebündelten und vertiefenden Wissen war ich dann auch froh um etwas Ausspannen im Abschnitt Erzählen: die Kurzgeschichte «Somnoproxy» von Stuart Evers liest sich leicht und unbeschwert – und doch muss man plötzlich nochmals zurückgehen und wird zum Nachdenken angeregt. Wer ist nun dieser Routh tatsächlich?

Das Resultat? Die zwei Wochen mit dem «Schweizer Monat» haben mich überzeugt und zur festen Abonnentin gemacht. Ich gratuliere der Redaktion für wirklich wohltuenden Journalismus: informativ, seriös, liberal und optimistisch in die Zukunft blickend. Und wenn ich mir etwas wünschen dürfte: wie schön wäre es doch, die Artikel auch als Audio zur Verfügung zu stellen. Das würde den «Schupf» etwas weniger hart machen.


Elisabeth Schoch
 ist Unternehmerin und Unternehmensberaterin im Gesundheitswesen und hat sich eine Kompetenz in neuen Technologien wie Virtual Reality, Gamification und IoT angeeignet. Sie sitzt für die FDP im Gemeinderat der Stadt Zürich und präsidiert ab nächster Amtsperiode die Spezialkommission des Gesundheits- und Umweltdepartements.


Schweizer Monat / Ausgabe 1049
September 2017

Von David Fehr

Vorbemerkung

Ich habe während der Lektüre wieder einmal gemerkt, dass ich mit dem Begriff «liberal», der beim «Schweizer Monat» nun mal im Zentrum steht, etwas Mühe bekunde. Fast zwangsläufig habe ich mich – sozusagen als vom Unternehmen engagierter White Hacker – darauf konzentriert, inhaltliche und konzeptuelle Ungereimtheiten zu finden. Der daraus resultierende leicht negative Touch dieser Blattkritik ändert nichts daran, dass ich die Lektüre spannend, informativ und herausfordernd empfand.

Cover

– Der Titel «Sackgasse Migration» ist irreführend, da er nicht mit der Grundaussage der Ausgabe übereinstimmt – dafür passt er umso besser zu Paul Colliers grimmigem Blick und dem Backstein im Hintergrund. Aber die Grundaussage der Ausgabe lautet ja, dass Migration den Wohlstand erhöhe, wenn sie richtig angegangen werde. «Über Migration» oder nur «Migration» hätten besser gepasst.

– Das Titelbild gefällt bei längerer Betrachtung immer besser, aber wenn man Paul Collier nicht kennt, ist man raus. Das gilt für viele der Autoren, die jeweils auf dem Cover sind. Statt Köpfen eine simple Illustration auf dem Cover wäre einen Gedanken wert. Das wäre zwar ein Bruch mit einer langen Tradition (und für eine Autorenzeitschrift vielleicht per se undenkbar), aber für eine Themenzeitschrift, die der «Schweizer Monat» ja auch ist, nicht das Verkehrteste.

Inhaltsverzeichnis

– Die verschiedenen Layouts auf den drei Seiten irritieren, dass Texte doppelt angeteasert werden, ebenso. Warum nicht zwei Seiten und ein altbackenes Inhaltsverzeichnis, das sich für jeden Beitrag genug Platz nimmt?

– «Kolumnen» sind nur teils Kolumnen, der Rest sind andere Gefässe. Auch wenn mit Kolumne nicht Kommentar, sondern Druckspalte gemeint ist, wirkt es komisch.

– Der Verweis auf das eine (sehr interessante) Online-Interview mit Marcel Dobler wirkt etwas verloren. Ich hätte es gerne in der Printausgabe gelesen.

Gefässe

– Die Texte selber gefallen mir alle sehr gut, aber die Benennung der Gefässe irritiert.

– «Nacht des Monats» ist keine Nacht, sie endet ja um 23 Uhr. Dabei wäre die wortwörtliche Umsetzung eine sehr coole Idee: Menschen, die, aus welchen Gründen auch immer, in der Nacht wach sind.

– Bei «Ein Glas Wein mit…» wirkt der Weinbezug etwas bemüht. Es ist letztlich ja einfach ein (sehr gelungenes) Kurzporträt eines Unternehmers. Der andere Titel («Helden der Arbeit») ist – gerade für den «Schweizer Monat» – der bessere.

– Auch «Wortwechsel» verstehe ich nicht ganz. Die Autorin erklärt ja einfach, was Ordnungspolitik ist, geht aber nicht weiter auf das Zitat von Regula Rytz ein – es fehlt der versprochene Wortwechsel.

Layout

– Schön, ruhig, unaufgeregt – passend zum Produkt.

– Dass nach Zwischentiteln ein Einzug gemacht und nach Doppelpunkten klein weitergefahren wird, auch wenn ein ganzer Satz folgt, irritiert mich.

– Die wenigen Bilder sind gut gewählt und ausdrucksstark.

– Da viele Seiten textlastig sind, könnte etwas mehr Weissraum auflockernd wirken.

Einzelne Texte 

Intro

Der Text gibt einen guten Einstieg ins Thema. Dass er für ein Editorial eher lang ist, passt gut zum Produkt. Das Eingangszitat von Ludwig von Mises hat meiner Meinung nach jedoch einen entscheidenden Fehler: «…, dass jeder dort arbeiten und dort verzehren darf, wo es ihm am besten dünkt.» «Dünkt» – das wäre bei ein paar Milliarden Menschen vermutlich Westeuropa. Ein sehr theoretischer Ansatz für ein sehr praktisches Problem.

«Was kostet die Zuwanderung?»

– Den Artikel «die» könnte man weglassen. Es ist ja ein steter Prozess, darum einfach: «Was kostet Zuwanderung?» Oder ergebnisoffen: «Kosten und Nutzen der Zuwanderung».

– Der Text präsentiert eine an sich interessante Rechnung, mit der man ein bis zur Unkenntlichkeit verpolitisiertes Thema einordnen könnte, lässt jedoch einen wichtigen Faktor unbeachtet, da die Zahlen lediglich bis 2009 reichen. In der Zwischenzeit wuchs die Bevölkerung von 7,78 auf 8,42 Millionen, über die Hälfte durch Migration. Das war für die Arbeitsproduktivität – immerhin eine der wichtigeren Kennziffern – nicht zwingend positiv. Und auch weitere Auswirkungen auf Lohnniveaus, ältere Arbeitnehmer oder Mieten finden in dieser Rechnung keine Berücksichtigung.

«Leistung statt Lotterie»

Fordert der Autor ernsthaft einen globalen Arbeitsmarkt ohne flankierende Massnahmen? Alle gegen alle, weltweit? Schicken wir die «Lucky Loser», die unverdient in der schönen Schweiz leben dürfen, nach Albanien? Die zitierte Studie, der Wohlstand würde bei globaler Personenfreizügigkeit bis zu 150 Prozent wachsen, erscheint theoretisch und alles andere ausser Acht lassend. Vergleichbar mit Cédric Wermuth, der den Schweizer Pass für alle hier Geborenen fordert – einfach am anderen Ende der Phantasieskala.

«Aufgelaufen»

Informativer Grundsatztext, der die Unterschiede zwischen Flucht und Migration sowie die komparativen Kostenvorteile der lokalen Hilfe erklärt. Eine differenzierte Betrachtung des Themas ist angesichts der Emotionalität, mit der es oft diskutiert wird, hilfreich. Alles in allem eine sehr gute Titelstory – so wie ich mir den «Schweizer Monat» vorstelle.

«Gerechtigkeit für alle!»

Die Reportage gibt lebhafte Eindrücke und liest sich flüssig, die Bildauswahl inklusive Bildunterschriften gefällt. Aber ich hätte mir noch mehr Platz für die Reise selber gewünscht, dafür etwas weniger Merkel. Heikel finde ich, dass die Frage, ob die Verteilung in Deutschland gerecht sei, an einer Umfrage des DIW festgemacht wird. Der DIW ist weder neutral noch sind Umfragen zuverlässig. Zumal sagen die an anderer Stelle mittlerweile selber, dass die Einkommenskonzentration auf historisch hohem Niveau sei, dass die Schere zwischen Arm und Reich weiter auseinandergehe und dass die Erbvolumen in Deutschland ein Viertel grösser sein dürften als gedacht. Aber im Text reicht diese eine Umfrage, um sämtliche Forderungen nach Umverteilung (und die Parteien, die sie fordern) als lächerlich darzustellen.

«Vorschneller Reflex»

Etwas sehr wissenschaftlich geschrieben, was den Einstieg nicht ganz einfach macht. Auch der Rest des Textes ist keine leichte Kost: viele Referenzen, viele Fachbegriffe, viel Theorie, lange Sätze. Wenn ich den Text richtig verstanden habe, ist die Grundaussage: Zentralisierung ist gut, wenn sie dem Gemeinwohl dient – gilt das nicht für alles, was dem Gemeinwohl dient? Wenn das die Replik ist, würde mich fast mehr interessieren, was David Dürr in der letzten Ausgabe behauptet hat.

Dossier Lernen

– Warum wird Sponsor Thomas Schmidheiny nicht näher vorgestellt? Natürlich kennen ihn Leser des «Schweizer Monats» – aber bei einem Zufallsleser kann man es nicht voraussetzen.

– Das Dossier behandelt eine der meiner Meinung nach dringendsten Fragen – gerade aus liberaler Sicht – leider nicht: Chancengleichheit ist für den Liberalismus die wichtigste Form von Gleichheit. Die haben wir in der Schweiz nicht, Bildung und später Erfolg hängt zu einem guten Teil von der Herkunft ab. Wie liberale Ansätze diesen nicht liberalen Verhältnissen Abhilfe schaffen können, das hätte mich interessiert.

«Wie viel Freiheit darf es sein?»

– Sehr interessanter Text, aber warum so kurz? Das hätte Stoff für drei Seiten inklusive Interview und Infografik gegeben.

«Spielen Sie nur einen Ton, nicht drei Töne, das ist zu gefährlich»

– Super Titel, regt an zu lesen, da man nicht genau weiss, worauf er anspielt.

– Auch das Interview selber ist spannend, da der Fokus (wie wird in der Musik gelernt und gelehrt?) durchgezogen wird.

«Lernen und Lehren bei rationalen Erwartungen»

Ein ökonomisches Potpourri mit wenig Erkenntnisgewinn. Die Bildauswahl ist eher speziell.

«Lernen in der Politik – geht das?»

– Ein cooles und für mich eher unbekanntes Thema, das interessante Fragen stellt und teils auch beantwortet.

«Von Emile bis Peergroup» und «Das Rätsel der Vernunft» sind mir zu wissenschaftlich geschrieben, ich bin nicht wirklich in die Texte reingekommen.

Zu den externen Autoren

Es ist vermutlich eine Gratwanderung, aber man könnte sich überlegen, Texte der externen Autoren stärker zu redigieren, um eine breitere Leserschaft zu erreichen. Häufig merkt man, dass sie vor allem in wissenschaftlichen Titeln publizieren, was die Lektüre für «normale» Leser harzig macht.

Die Sache mit dem Liberalismus

Der Begriff liberal umschreibt nicht nur die Grundhaltung des «Schweizer Monats», er kommt auch in den Texten sehr häufig vor. In dieser Ausgabe auch auf dem Cover und mehrfach im Editorial. Das wirkt teilweise etwas bemüht, gerade bei den externen Beiträgen. Die Leser des «Schweizer Monats» brauchen diese ständige Versicherung, dass sie noch im richtigen Heft sind, (hoffentlich) nicht. Dazu kommt, dass der Begriff mittlerweile halt etwas abgelutscht ist. Heute bezeichnet sich jeder als liberal respektive das, was er als liberal definiert. Der Begriff wurde dem «Schweizer Monat» sozusagen abspenstig gemacht. Ich würde ihn wenn möglich weniger, dafür gezielter einsetzen.

Aber selbst der klassische Liberalismus, wie ihn der «Schweizer Monat» pflegt, ist meiner Meinung nach – spätestens seit Erbschaften die Arbeitseinkommen übersteigen – ein paar Antworten schuldig. Die Beiträge wirken bisweilen etwas gar theoretisch, was vermutlich teils so sein soll. Ich würde mir aber wünschen, dass sich der «Schweizer Monat» etwas mehr in die Praxis wagt. Und dass er sich vielleicht auch mal Themen widmet, von denen der typische «Schweizer Monat»-Leser selber nicht betroffen ist. Warum nicht eine Beilage über Altersarmut und -arbeitslosigkeit, Ausgesteuerte, Chancengleichheit (nicht in der Theorie, sondern in Dietikon), Stress am Arbeitsplatz, Lohndumping, das Armutsrisiko alleinerziehender Mütter, 55-Jährige ohne Jobaussichten, das Verschwinden von Kulturland, übermässigen Ressourcenkonsum, Umweltverschmutzung oder Infrastrukturstau? Die praktischen Antworten des Liberalismus auf solche und ähnlich gelagerte Fragen würden mich sehr interessieren.


David Fehr
ist Redaktionsleiter beim «PUNKTmagazin». Er lebt in Zürich.

Schweizer Monat / Ausgabe 1048
Juli/August 2017

Von Lucia Waldner

Ich wünsche dem «Schweizer Monat», dass jede Ausgabe sichtbare Spuren der Neugier und Freude trägt, wie mein Exemplar der diesjährigen Sommerausgabe. Das Magazin war zwei Wochen lang stets an meiner Seite, sei es bei stressigen Zugfahrten oder beim entspannten Sonntagsfrühstück. Zu Beginn habe ich mich etwas vor dieser Lektüre gedrückt – die Titelseite mit dem vortragenden Timothy Garton Ash und dem Leitsatz «Jeder ist gefordert» versprach doch eher schweren Lesestoff, und von komplexen Themen ist mein beruflicher Alltag bereits ausreichend geprägt.

Was ich von einer «Autorenzeitschrift für Politik, Wirtschaft und Kultur» erwarte, ist, zum Nachdenken angeregt und in meinen (bewussten wie unbewussten) Vorurteilen herausgefordert zu werden, nach dem Lesen mehr zu wissen als davor und einen Genuss beim Lesen zu verspüren – sprachlich wie gedanklich. Mit dieser Erwartungshaltung ging ich also an die Sommer-Doppelausgabe heran.

Das Thema der Ausgabe – liberales Denken – ist hochaktuell, insbesondere seitdem liberale Gedankenmuster auf ganz neue, teilweise unerwartete Grenzen stossen. Somit ist mein erstes Kriterium erfüllt: das Leitthema ist relevant und anregend, ich sollte weiterlesen. Der Liberalismus wird aus unterschiedlichen Blickwinkeln und durch mehrere Generationen diskutiert – mein zweites Kriterium wäre somit ebenfalls erfüllt: es gibt etwas Neues zu lernen, ich möchte also weiterlesen. 

Der erste, durchaus positive Eindruck über die Ausgabe kommt bereits beim Lesen des Inhaltsverzeichnisses auf Seite 3 auf – alle Artikel machen neugierig. Dank der kurzen, sehr gelungenen «Teaser» freue ich mich darauf, mehr zu erfahren, und kann mir ein gutes Bild der Ausgabe machen. Etwas verwirrend finde ich allerdings, dass das Inhaltsverzeichnis in unterschiedlichen Layouts, Farben und Schriften über mehrere Seiten fortgesetzt wird. Dabei irritiert, dass die Texte nicht in der gleichen Reihenfolge präsentiert werden, in der sie tatsächlich erscheinen.

Das einleitende Zitat von Goethe (Seite 7, online hier) finde ich grossartig und fühle mich gleich angesprochen. Ich stufe mich sofort in der dritten Lesergruppe ein, die «geniessend urteilt und urteilend geniesst». Etwas überraschend ist, dass dieser Gedanke nirgendwo im Editorial-Text weitergeführt wird. Insgesamt hätte ich vom Chefredakteur Michael Wiederstein einen etwas umfassenderen Text erwartet – über das Inhaltsverzeichnis hinaus fühle ich mich aus diesem Grund nicht besonders gut in die vorliegende Ausgabe eingeführt. Gleichzeitig finde ich die Erklärung der Ambition, «komplexe Sachverhalte nachvollziehbar [zu] machen», sehr sympathisch – es ist jedenfalls, gerade bei den ausgewählten Fragestellungen der vorliegenden Ausgabe, keine einfache Zielsetzung. Im Editorial hätte ich mir dennoch eine einleitende, Neugier erweckende Frage oder ein einfaches, anschauliches Faktum gewünscht. Oder zumindest eine Verbindung mit dem grossartigen Zitat Goethes.

Der Kurzbericht über Schweizer Föderalismus (Seite 8, online hier) präsentiert einen durchaus wichtigen Gedanken, auch wenn ich mir eine weniger verspielte Ausdrucksweise und einen weniger metaphorischen Abschluss wünschen würde. Der zweite Text auf der gleichen Seite berichtet über lebenslange Verwahrung mit sprachlicher Klarheit und einem lösungsorientierten Ansatz, was ich sehr schätze.

Im Doppelinterview auf den Seiten 14–17 (hier) finde ich viele der Fragen zu harmonisch. Viele der Antworten hätte man als Textbox zusammenfassen können (Mitgliederprofil, Fundraising), um im Interview auf die wirklich brennenden Fragen einzugehen – an diesen mangelt es ja nicht. Das Gespräch ist für mich in der Folge zu generell gehalten.

Auf Seite 27 bringt es Olivia Kühni auf den Punkt (online lesbar), auf den ich lange gewartet habe: Beim Liberalismus soll es nicht vorwiegend darum gehen, wie viel Staat es braucht. Denn staatliche Institutionen sind lediglich Instrumente einer Gesellschaft, um gemeinsame Entscheide umzusetzen und Konsequenzen daraus zu ziehen, wenn diese nicht respektiert werden. Der Artikel ist kurz und prägnant, es kommt Freude beim Lesen auf. Den persönlichen Einstieg kann man mehr oder weniger ansprechend finden.

Auf Seite 30 folgt ein wahres Highlight und der für mich persönlich wichtigste Text der Doppelausgabe: «Trommeln für die Freiheit» von Jobst Wagner. Es ist alles andere als trivial, genug Abstand von der eigenen Gesellschaft zu nehmen, um sie objektiv zu analysieren und gleichzeitig engagiert genug zu sein, um nach einer Lösung zu suchen und sogar ein Teil davon zu sein. Dieser Text ist eine zielgenaue Auseinandersetzung mit den Attitüden der Schweizer Gesellschaft, stellt genau die für die Zukunft wichtigsten Fragen und leitet mögliche Risiken ab. Enorm erfrischend, mit passenden Beispielen – anregend und auf eine sehr clevere Art «objektiv urteilend». Ein wirklicher Genuss.

Auf Seite 36 ist «Ein Glas Wein mit Beat W. Schweizer» spannend geschrieben und schafft es, sowohl Inhalte als auch eine interessante Persönlichkeit zu vermitteln. Eine Pause von gesellschaftlichen Themen tut an dieser Stelle gut.

Ab Seite 38 folgt eine Reportage über die diesjährige Documenta-Ausstellung (hier). Obwohl der Text linguistisch sehr viel Spass macht, hätte ich mir eine klarere Hilfestellung bei der Beurteilung der ausgestellten Werke gewünscht. Den deskriptiven – oft unterhaltsam pragmatischen – Teil habe ich genossen, die Werke selbst werden jedoch zu wenig in den aktuellen Kontext der jeweiligen Kunstszene gesetzt und Urteile sind sehr offen und vage. Vermisst habe ich eine mehr greifbare Berichterstattung zu den Doppelarbeiten der Künstler, die ihre Werke sowohl in Athen als auch in Kassel präsentierten. Verwirrt war ich auch über das begleitende Bild eines Kunstwerks, dessen Schöpfer weder im Text erwähnt noch sein zweites Werk gezeigt wird.

Als Politologin war ich auf den Text zur neuen Weltordnung (ab Seite 46) besonders gespannt, konnte aber bereits auf der ersten Seite kaum feststellen, wo mich der Autor hinführen möchte. «Übersicht, Klarheit und Ruhe» waren noch nie ein Bestandteil menschlicher Gesellschaften; weitere gedankliche Widersprüche folgen. Der Bericht über Machtverhältnisse im 21. Jahrhundert (hier) fasst (auch wenn etwas einseitig aus der europäischen Sicht) die heutige Lage zwischen den wichtigsten Wirtschaften der Welt umfassend zusammen. Neben der geschätzten, gründlichen Recherche und den vorsichtigen Formulierungen warte ich bis ans Ende auf originelle Ideen und mutige Ansätze, die mich zum Nachdenken oder sogar zum Protest – kurzgefasst, zu einer Reaktion – motivieren würden. Eine Grafik oder das Einbauen konkreter Zahlen würde den Text anschaulicher machen.

Auf Seite 56 (online hier) folgt ein interessanter Bericht über Globalisierung, der noch mehr als andere Texte nach einer Illustration oder zumindest nach einigen klaren Zahlen ruft. Die These ist spannend, wirkt aber ohne unterstützende Daten etwas schwach.

Ab Seite 58 folgt das aus meiner Sicht zweite Highlight der Ausgabe. Michael Wiederstein stellt eine Reihe wirklich interessanter Fragen an Timothy Garton Ash, der ausgesprochen spannende Antworten gibt. Das Interview ist ein intellektueller Genuss, deckt viele aktuelle Themen ab und traut sich, heikle Themen auszusprechen. Ein langer Text, der sich jedoch gar nicht so lange anfühlt und in dem jede einzelne Zeile wertvoll ist.

Zum Ende zwei Bemerkungen: Eine Zeitschrift wie «Schweizer Monat» ist schon fast ein Luxusgut, ein Statussymbol. Leser möchten daraus zitieren, Weitsicht und spannende Ideen schöpfen. Dementsprechend würde ich neben den vielen weitgehend deskriptiven Inhalten verstärkt auch auf neue Erkenntnisse achten, seien es mutigere Schlussfolgerungen oder neue Zusammenhänge. Die vielen Porträtbilder könnte man mit interessanten Grafiken oder sonstigen Illustrationen ergänzen, um die Aussagen der Texte zu unterstützen. Und schliesslich: Es müsste heutzutage möglich sein, dass mehr als nur einige vereinzelte Frauen pro Ausgabe etwas zu sagen haben.


 

Lucia Waldner
ist Leiterin des Credit Suisse Research Institute, des internen Think Tank der Credit Suisse Group. Darüber hinaus ist sie Mitglied des Teams des Verwaltungsratspräsidenten und zeichnet dort als Director for Innovation verantwortlich.

Schweizer Monat / Ausgabe 1047
 Juni 2017

Von Manuela Stier

Haptik

Ansprechend, warm, wertig. 

Design

Modern, zeitlos, ansprechend. Ein klares Corporate Design, das professionell und vertrauensvoll wirkt. 

Typografie

Nicht alle Texte sind gut lesbar, denn viele sind einfach in einer zu kleinen Schriftart, besonders Bildunterzeilen. Manchmal fehlt die visuelle Spannung, dann etwa, wenn eine Doppelseite beinahe nur mit Text bestückt ist. Und bei den Zitaten fällt einem ab und an die Orientierung schwer: was ist die Headline, was das Statement? 

Bilder

Die grossen, ansprechenden Bilder gefallen mir gut. Von vielen Autoren fehlen jedoch die Bilder – gerade bei Kolumnen sind diese meines Erachtens unverzichtbar. 

Werbung

Nur sehr wenig Werbung, das macht das Magazin aus Lesersicht wertvoll. 

Bild / Text

Einige Seiten wirken zu überladen, es fehlt der Weissraum. Habt den Mut, mit etwas mehr Freiraum zu gestalten! 

Präsentation der Inhalte

Die drei Seiten Inhaltsverzeichnis sollten auf zwei Seiten reduziert werden. Die Informationen «Aus der Redaktion» auf Seite 5 stellt man besser zu den Texten.

Das Interview mit Dina Pomeranz finde ich gut – es ist toll, wenn junge Ökonominnen eingebunden werden.

«Ein Glas Wein mit…» wirkt wie eine Werberubrik – wieso verkauft man sie nicht gleich als Werbung? Die gezeichnete Illustration empfinde ich als Stilbruch. Ich würde das Foto der Person eher in einem Kreis darstellen.

Die Fotoreportage «Nach Mossul» hat mir sehr gut gefallen. Das ist eine spannende Reportage mit eindrücklichen Bildern, die auch visuell gut gestaltet ist. Auch hier fehlt mir das Foto des Fotografen.

Das Fokusthema «Bye-bye Babyboomers» ist eine ausgezeichnete Wahl: ein Thema, das alle Schweizer Bürger ansprechen sollte und ihnen zugänglich gemacht werden sollte. Unklar ist mir allerdings, weshalb dieses Fokusthema «Dossier» heissen muss (auch auf der Titelseite). Das Thema müsste vielmehr wie ein roter Faden durch das Blatt gehen.

Im Interview von Michael Wiederstein und Daniel Müller-Jentsch mit Michael Hermann würde ich gerne wissen, wer von den beiden Fragenden welche Frage gestellt hat.

Bei der Rubrik «Nacht des Monats» habe ich das Konzept nicht verstanden. Weshalb kommt sie hier, was ist das überhaupt? 

Generell zum «Schweizer Monat»

Ich erachte diese Publikation als enorm wichtig für die Schweiz, gerade für die jüngere Generation. Selten werden solch komplexe Themen einfach und verständlich dargestellt. Alles in allem überzeugt sie mich, Kompliment!

Ich würde allerdings mehr Unternehmer als Interviewpartner einbinden. Die Schweizer Wirtschaft kann so einer breiteren Dialoggruppe sichtbar gemacht werden, was bei Abstimmungen zu mehr Verständnis für die Anliegen der Wirtschaft, der Ökonomie führen wird.

Und weshalb machen sich die Unternehmer, die hinter dem Magazin stehen, nicht noch etwas transparenter? Ich meine, es ist ein Vorteil dieses Magazins, dass es so eine lange Tradition hat und eine eher etwas besondere Eigentümerschaft. Der «Schweizer Monat» würde davon profitieren, diese Punkte im Heft und auf der Website noch etwas transparenter darzulegen.


Manuela Stier
ist Inhaberin und Geschäftsführerin von Stier Communications AG sowie Initiantin und Geschäftsführerin des Fördervereins für Kinder mit seltenen Krankheiten.

 

 

Schweizer Monat / Ausgabe 1046
Mai 2017

Von Sven Millischer

Gesichtspunkte für die Lektüre/Blattkritik

Prämisse I
Das Wesen einer Monatszeitschrift: Man muss sie nicht lesen, aber man möchte sie lesen. Sprich: Es geht um informativen, geistreichen Lesegenuss. Kür statt Pflicht. Verführung anstatt trockene Kost.

Prämisse II
Aus der Rezeptionsforschung, zum Beispiel von Readerscan, ist bekannt, dass Leser intuitiv und innert weniger Millisekunden über Sein oder Nichtsein eines Artikels entscheiden. Egal, ob NZZ oder «Blick», «Bild» oder FAZ, die Auslese erfolgt stets nach demselben Muster: Bild, Titel und/oder Bildunterzeile, Lead, Texteinstieg.

Prämisse III
Ergebnisse aus der Hirnforschung beziehungsweise dem Neuromarketing zeigen eindeutig: Menschen interessieren sich in erster Linie für Menschen oder für emotional aufgeladene Gegenstände; unser Hirn speichert Informationen nur in Kombination mit Emotionen verlässlich und replizierbar ab. Kurz: nur Texte, die berühren, bleiben haften.

Schlussfolgerung
Die sprachlich-visuelle-emotionale Verpackung ist mindestens ebenso wichtig wie die zu vermittelnde Information in journalistischen Texten.

Unter diesen Gesichtspunkten habe ich den «Schweizer Monat» gelesen.

Titelbild / Front

Auf dem Titelbild ein gutes, ausdrucksstarkes, überraschendes Porträt von Jeremy Rifkin. Bei mir tauchen Erinnerungen an die Anfänge der Fotografie auf.

Dagegen finde ich die Titelzeile «Revolution auf dem Energiemarkt» ziemlich einfallslos. Der Begriff der «Revolution» wird inflationär gebraucht, der Begriff «Energiemarkt» ist sperrig, wenig griffig, zu abstrakt – das verspricht nur wenig Lesegenuss. Der Titel ist das Verkaufsargument für den «Schweizer Monat», also seine wichtigste Verkaufsauslage. Entsprechend ist es wichtig, eine hohe Sorgfalt walten zu lassen. Der Lead ist passabel, aber meines Erachtens zu packend für die Front.

Fazit: ihr seid ein Monatsmagazin, also müsst ihr eure Leser jeden Monat von eurem Produkt wieder neu überzeugen. Macht also ein zwingendes Verkaufsangebot. Lockt mich. Spielt mit mir als Leser. Überrascht mich.

Inhaltangabe(n)

Seite 3 (Inhalt) finde ich schlecht: kalt, nicht ansprechend, lieblos. Es fehlen die Bilder, der Esprit.

Seite 4 (In dieser Ausgabe) finde ich gut: Menschen schauen mich an, sie sprechen zu mir als Leser in ihren Zitaten. Das ist ein Hingucker!

Von der Idee her prima ist Seite 5 (Aus der Redaktion): sie schafft Leserbindung zur Redaktion, ermöglicht einen Blick in die Werkstatt. Dennoch sind es keine Texte, die auf Tuchfühlung mit den Redaktoren gehen, keine Aperçus oder Beobachtungen. Ich plädiere dafür, das entweder zu ändern oder abzuschaffen...

Alles in allem sind es zu viele verschiedene Einstiege – das verwirrt den Leser eher, als es ihm nützt.

Seite 7 – Intro

Ist es ein Intro, ist es ein Editorial, ist es eine Kolumne? Ich erwartete eigentlich einen Text, der auf ein Schwerpunktthema des Blattes eingeht. Erhalten habe ich aber eher eine freischwebende Meditation über den Subventionsstaat mit einem gelungenen, knackigen Einstieg. Vielleicht muss man das Konzept des Intros überdenken. Mir ist es zu wenig auf das aktuelle Blatt bezogen, zu beliebig, zu wenig aktuell.

Seite 8 – Kolumnen

Ich habe die journalistische Definition nachgeschlagen: Eine Kolumne ist ein meinungsbildender Text, klar identifizierbar, auch im Stil pointiert, ungefiltert, auf den Punkt, vielleicht polemisch, vielleicht satirisch, gepaart mit sprachlicher Könnerschaft. Meines Erachtens lösen das beide Autoren nicht wirklich ein. Für meinen Geschmack und auch für ein «genussvolles» Monatsmagazin sind sie zu wenig überraschend und zu wenig stilistisch brillant. Und es fehlen die Bilder der beiden: Ich will diese Personen auf einem Foto sehen oder zumindest in einer Zeichnung. Kolumnisten sind schliesslich irgendwie herausragende Köpfe...

Thematischer Schwerpunkt – Revolution im Strommarkt

Grundsätzlich: aktueller, passender, guter Schwerpunkt zu einem fundamentalen Thema, das die Debatte hierzulande noch auf Jahrzehnte hinaus prägen wird – gut!

Visuell: Strom oder Energiethemen zu bebildern ist und bleibt eine Knacknuss. Es gibt keine wirklich guten Lösungen, nur weniger schlechte. Das Bild jedoch zu «Revolution im Strommarkt» überzeugt mich nicht: eine Badeszene im trüben Island ist nun wahrlich keine Revolution. Als Leser werde ich hier definitiv nicht angeregt, mich der «Revolution im Strommarkt» zu widmen. Mir fällt auf, dass der «Monat» häufig mit verkopften Bildern arbeitet, die sich erst aus dem Kontext erschliessen und keine bzw. wenig Emotionen transportieren. Das ist meines Erachtens ein falscher Ansatz, um den Leser überhaupt in eine Lektüresituation zu bekommen.

Seite 12 ff. – Jeremy Rifkin zu den Nullgrenzkosten...

Ein wichtiger und tiefgreifender Text, der in eine Monatszeitschrift gehört. Ich habe ihn gerne und mit Gewinn gelesen. Eigentlich ist es ein «Best of…» von Rifkins Denken, es erinnerte mich an ein früheres Buch von ihm. Prima! Allerdings ist der Text mit einem schwachen Bild von Rifkin aus irgendeiner Veranstaltung schlecht verkauft. Ausserdem: es fehlen die Infografiken! Ein Text mit dieser Zahlenfülle und diesem Material schreit nach Infografiken.

Das Zitat passt leider überhaupt nicht. Es müsste sich um eine geistige Quintessenz von Rifkin handeln. Und nicht um ein Faktum wie «Deutschland erzeugt bereits 32 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Energien...». Das kann ich auch in der Energiestatistik nachlesen.

Denkt systemisch!  Seite 18 ff. / vor allem 20 / 21 und fortfolgende Infografikseiten

Der Titel «Denkt systemisch!» erschliesst sich für mich nicht. Auch nach Lektüreschluss nicht. Der Einstieg in den Text ist gut: «Am Anfang war das Abenteuer» – da hat mich der Autor schon als Leser, da will ich mehr wissen. Der Text ist eine gelungene, historische Hinführung, jedoch verliert mich der Autor ab der Seite 20/21 wieder, denn sein Text wird in einer Bleiwüste angezeigt, ohne Chance für alternative Lese- oder Einstiegsmöglichkeiten.

Dieser Text ist meines Erachtens journalistisch falsch strukturiert. Die eigentliche «News» – der neue Ansatz – ist im letzten Abschnitt begraben. Ich würde sehr gerne mehr über das brasilianische Marktmodell erfahren. Funktioniert es? Hat es sich bewährt? Wer hat es entwickelt? Welche Folgen zeitigt es?

Die Grafiken würden sehr viel besser zur Geltung kommen, wenn sie nicht geballt, sondern verteilt eingefügt würden.

Am Tropf – Seite 26 ff.

Den szenischen Einstieg begrüsse ich, bitte mehr solche Elemente! Warum der Autor aber mit «Bitsch, 24. März, 14.30 Uhr» einsteigt, erschliesst sich mir als Leser nicht. Die Uhrzeit ist irrelevant, der «gelbe Helm» ebenfalls. Hier wünsche ich mir Haptisches, mehr Körperlichkeit, mehr Emotionen, «meh Dräck»! Ist es feucht? Tropft es von den Wänden? Friert der Autor? Hat er Schutt an den Schuhen? Auch bei der Begegnung mit Nationalrat Ruppen im Restaurant in Brig will ich wissen: Wie sieht der aus? Wie redet er? Was bestellt er? Menschen wollen über Menschen lesen und nebenher noch Informationen erfahren. Zum Schluss wird der reportageartige Ansatz mit den verschiedenen Szenen wieder aufgehoben. Der Text endet mit einem Fazit mit Gegenquote. Schade. Bitte hier konsequenter und mutiger sein! Der Ansatz mit dem Wallis ist richtig und wichtig, sollte sich dann aber nicht in Allgemeinplätzen und Allgemeindiskussionen verlieren, sondern eine echte Reportage sein.

Zurück an den Absender – Seite 31 ff.

Auch wenn ich gegenteiliger Meinung bin, überzeugt mich dieser Kommentar. Das ist solides und fundiertes Kommentarhandwerk inklusive eines guten Einstiegs.

Black-out bei den Liberalen – Seite 34 ff.

Dieser Kommentar dagegen überzeugt mich überhaupt nicht, ich finde ihn überflüssig:

  1. Warum nochmals ein Kommentar mit gleicher Stossrichtung?
  2. Warum ein Kommentar, der offensichtlich nichts neu Erhellendes bringt? «Grosse Energieversorger wie Axpo oder Alpiq drohen zu marktfernen Holdings in Staatshand zu werden» – waren sie das nicht schon immer?
  3. Ehrlich gesagt: dieser ordnungspolitische Sermon ist wenig inspiriert und ziemlich langweilig!


Herausgepickt
– Seite 36

Titel, Lead und Einstieg überzeugen als Gesamtpaket. Mir fehlt aber hier eine Info-Box mit einer Begriffsdefinition des Begriffs «Racial Profiling». Hier frage ich mich nur: Weshalb kommt das Thema in dieser Ausgabe, was ist der aktuelle Anlass?

Helden der Arbeit / Ein Glas Wein mit... – Seite 40

Mein Lieblingsgefäss im «Schweizer Monat»! Meist süffig geschrieben wie ein edler Tropfen, und ich erfahre etwas über einen Menschen, und dabei noch viel mehr über ein mir meist unbekanntes Business. Es ist auch in diesem Fall liebevoll geschrieben («mein alter Schulkollege»), informativ-unterhaltsam, kurzweilig und sehr nahe am Menschen. Prima! Nur etwas stört mich: Der Name der Rubrik sollte entweder «Helden der Arbeit» oder «Ein Glas Wein mit...» heissen. Beides zusammen geht nicht.

Werte / Wortwechsel ... Seite 41

Für mich ein Text ohne Erkenntnisgewinn. Einziger Lichtblick: Musste googeln, was ein Papet vaudois ist. Scheint ein leckeres Waadtländer Gericht zu sein...

Kurzes Fazit

Als Leser sehe ich eine grosse, positive Entwicklung im «Schweizer Monat». Es geht weg von schwurbeligen Elfenbeinturm-Texten und hin zu aktuellen Debattenbeiträgen wie Rifkin-Text und magazinartigen Formaten wie «Ein Glas Wein mit…». Verbesserungsbedarf sehe ich weniger in der journalistischen Themenwahl oder im informativen Inhalt der Texte als in der Verpackung (Bildauswahl, Infografiken, Spracharbeit). Hier besteht noch Luft nach oben. Die Richtung aber stimmt!


Sven Millischer
ist Co-Leiter Unternehmen & Politik bei der «Handelszeitung».

 

Schweizer Monat / Ausgabe 1045
April 2017

Von Peter Hartmeier

1. Ausgangslage / Kriterien der Blattkritik

Wenn ich diese Publikation lese, will ich mit neuen Gedanken, mit bisher unbekannten Ideen und überraschenden Einfällen konfrontiert werden. Da das Heft in der Unterzeile als «Autorenzeitschrift» firmiert, will ich starken, eigenständigen publizistischen Persönlichkeiten begegnen. Für eine Leistung, die diesen Kriterien entspricht, bin ich bereit, 22 Franken zu zahlen.

2. Titel

Es werden zwei Themen angekündigt: «Frankreich im Land des ständigen Ausnahmezustandes» und «Technologien, die Machtverhältnisse verändern». Die Schlagzeile zu Frankreich verheisst keine neuen Erkenntnisse; die Schlagzeile zu «Technologien» stösst intuitiv auf mein Interesse; sofort vergleiche ich die «Schweizer-Monat»-Titelgeschichte mit jener des «Spiegel», der in der gleichen Woche die gesellschaftspolitischen Auswirkungen der Digitalisierung untersucht. Das Bild vom über die Drohne staunenden Konrad Hummler ist auf den zweiten Blick amüsant und löst Nachdenklichkeit aus; allerdings muss man es genauer anschauen, um die Botschaft zu erkennen. Für eine Publikation, die nicht am Kiosk in Sekundenschnelle den Käufer überzeugen muss, spielt das möglicherweise keine Rolle. Als verfehlt beurteile ich die Titelschlagzeile «Ausser Kontrolle?». Vom «Schweizer Monat» erwarte ich keine Fragezeichen, sondern Antworten. (Fragen, auf die ich keine Antwort weiss, habe ich selbst genug.)

3. Inhaltsverzeichnis, Seiten 4/5

Falls die Redaktion gemäss den Kriterien der Leserführung die Themenwahl erleichtern möchte, ist die so gestaltete Doppelseite unbrauchbar. Sie ist graphisch attraktiv, aber nicht sehr hilfreich (zum Beispiel zu grosse Seitenzahlen statt Titel und viel zu lange Texte). Der Leser beginnt dann halt selbst zu blättern und zu suchen, was ihn interessiert.

4. Intro (Editorial), Seite 7

Der Chefredaktor widmet sich dem grossen Thema «Freiheit» und stellt ein originelles Zitat von Wilhelm Busch an die Spitze. Das klug ausgewählte Zitat bleibt aber alleine und es wird kein Bezug darauf genommen; stattdessen erzählt der Autor von seinen Armee-Erlebnissen und der dort beobachteten Freiheitseinschränkung. Diesen Gedanken habe ich schon öfter gelesen. Der zweitletzte Abschnitt hingegen ist herausfordernd: Er regt zum Denken an – aus diesen sieben Zeilen hätte man das Editorial entwickeln sollen.

5. Freie Sicht / Res publica, Seite 8

Auch persönlich verfasste Kolumnen und Kommentare müssen mit den Autoren diskutiert werden – entweder bevor sie zu schreiben beginnen oder dann im Nachhinein, wenn die erste Fassung vorliegt: Nadine Jürgensens stilistisch munter daherplätschernder Text ist ein solches Beispiel – gerade weil sie eine durchaus originelle These vertritt: Sie müsste aber härter, präziser und konkreter ausgeführt werden. Die Autorin dürfte nämlich mit ihrem Plädoyer gegen reine Männerrunden bei Podiumsgesprächen, Talkshows etc. bei vielen Moderatoren auf offene Ohren stossen. (Ich weiss, wovon ich spreche!)

6. Frankreich, Seiten 10–24

Köstliche Doppelseite mit einfallsreichem Titel, blauem Himmel und gallischem Hahn. Allerdings lockt der Lead nicht unbedingt zum Lesen: ich erwarte vom «Schweizer Monat» gemäss meinem Kriterium der Blattkritik keinen beschreibenden Nachrichtentext («verschreckt, ängstlich, orientierungslos»), sondern die Ankündigung einer These, einer Interpretation, einer prononcierten Meinung. – Das graphische Stilmittel (lange kursiv gedruckte Bildlegenden mit persönlichen Eindrücken des Autors) halte ich für problematisch: ich vermute, dass der Leser gar nicht einsteigt oder bald wieder aussteigt – was schade ist: die kleinen Texte sind Highlights, sprachlich und inhaltlich; sie vermitteln Denkanstösse (z.B.: Chambre d’hôte ohne Schlüssel; französische Steuerämter, die den Bürger beraten, damit er keinen Cent zu viel zahlt; die kühne Behauptung, Merkel und Schulz würden sich kaum unterscheiden). Der Autor bringt eine Fülle von Fakten: der Leser merkt sofort, dass Ronnie Grob Frankreich kennt. Aufgrund dieser offensichtlichen Kenntnisse des Autors erwarte ich eine etwas präzisere Fragestellung mit einer entsprechenden Antwort; Vorschläge: «Warum tut sich Frankreich so schwer mit der Wirtschaft – lieber ein hoher Staatsposten als Manager in einem Unternehmen? Woher kommt das Misstrauen gegen Marktmechanismen? Gibt es einen Zusammenhang zwischen Rückgang der Wichtigkeit der französischen Kultur und Sprache und der wirtschaftlichen Konkurrenzfähigkeit? Gibt es eine französische Schizophrenie: sie hassen den Staat und liefern sich ihm gleichzeitig aus?» Die Analyse des Ökonomieprofessors Jean-Marc Daniel beurteile ich eher kritisch – viele interessante Fakten, die wir zum Teil aber schon kennen («Kurzfristig müssen wir die öffentlichen Ausgaben reduzieren»), statt einer grundsätzlichen Fragestellung mit einer entsprechenden Antwort. Beispiele: «Warum tut sich Frankreich, als ehemalige Kolonialmacht, so schwer, sich konkurrenzfähig auf dem Weltmarkt zu behaupten? Was stimmt mit der französischen Wirtschaft nicht? Liegt es an den traditionellen Eliteschulen wie ENA und Science Po, die weder mit Harvard, mit London School of Economics noch mit unserer HSG konkurrieren können? Oder liegt es an der Sprachunfähigkeit der Franzosen: sie können nur Französisch sprechen, fühlen sich nur in ihrer Kultur sicher und verpassen entsprechend die Globalisierung der Wirtschaft?»

7. Whistleblowing, Seiten 25–33

Durchaus interessantes Interview mit der Spezialistin Zora Ledergerber; die wichtigen Fragen werden gestellt, mit einer Ausnahme: Die Versuchung, Indiskretionen, vertrauliche Informationen, über Social Media bekanntzumachen, statt über Journalisten der traditionellen Medien, ist enorm gross geworden: was bedeutet das? – Anregung: Um dem Beitrag mehr Spannung zu verleihen, sollte man eine solche Spezialistin mit einem dafür Verantwortlichen in einem grossen Unternehmens konfrontieren: Wie geht ein Unternehmen in der Praxis mit den Forderungen und Erkenntnissen der Spezialistin um? – Das Bild von Frau Ledergerber ist, vermute ich, ein Archivbild – durchaus geeignet für ein CV, aber nicht für ein Interview, vor allem nicht in dieser Grösse: zu harmlos, ohne Spannung angesichts der Fragestellungen. Optik und Text müssen sich in einem Printmedium ergänzen. – Der Beitrag von Eric-Serge Jeannet hat interessante Passagen; er würde deshalb durch Kürzungen an Prägnanz und Aussagekraft gewinnen.

8. Ein Glas Wein mit…, Seite 34

Angenehm zu lesender, überraschender Text. Doch auch ein Printmedium sollte nützlich sein: Bei welcher Adresse kann ich diesen Wein aus dem Kanton Glarus bestellen?

9. Wortwechsel, Seite 35

Ich bleibe etwas ratlos, was die Autorin mir eigentlich sagen will. Der Schlusssatz ist entlarvend: «Darüber indes kann man streiten.» Muss ich, um zu dieser Erkenntnis zu kommen, eine Kolumne lesen?

10. Kultur: «Am Rande des Schwarms», Seiten 36– 49

Für mich ist dieser Text eine Entdeckung – blattmacherisch und graphisch wunderbar aufgemacht. Deshalb machen Printpublikationen auch im Jahre 2017 Freude!

11. Macht – Wie die Digitalisierung Geld und Einfluss neu verteilt, Seiten 51–87

Hervorragend gewähltes Thema, insgesamt gut gelöst, und auch zum richtigen Zeitpunkt veröffentlicht. Schwachpunkt ist die Eröffnung: es darf nicht sein, dass diese gescheite Redaktion, bestehend aus gutinformierten Menschen, von denen ich etwas lernen will, mir ein nichtssagendes Zitat eines Schweizer Managers voranstellt. Digitalisierung ist ein Weltthema: bedeutende Köpfe auf der ganzen Welt haben Bedeutendes dazu gesagt. Stark sind die Texte von Adrienne Fichter und Hannes Grassegger, von denen ich etwas lernen kann. Sprachlich vergnüge ich mich an Konrad Hummler: Der Mann kann einfach schreiben. Ich halte vortrefflich formulierte Beiträge im «Schweizer Monat» für essentiell. Für mich enthielt der Aufsatz von Christian Jaag Neuigkeiten: Das Kriterium, Neues zu lernen und Zusammenhänge erklärt zu bekommen, ist ein Grund, diese Publikation zu lesen. Zu Linda Liukas: die kecke Photographie der Autorin dürfte dazu führen, dass der Beitrag überdurchschnittlich gelesen wird. Extrem nützlich ist das Plädoyer von Alain Gut, weshalb Informatik in die Schulen gehört. Bis zu Lektüre dieses Textes war ich einfach intuitiv dafür – jetzt weiss ich auch noch, warum: klare These, klare Begründung, geschrieben in einer nachvollziehbaren Sprache – so muss der «Schweizer Monat» sein.

12. Nacht des Monats Seite 88

Als Mensch, der gerne isst und trinkt, ein Text für mich.


Peter Hartmeier
ist Partner/Co-Owner von Lemongrass Communications AG in Zürich. Von 2002 bis 2009 war er Chefredaktor des «Tages-Anzeigers».

Schweizer Monat / Ausgabe 1044
März 2017

Von Edith Hollenstein

Das Hauptthema mit dem Titel «Viel Arbeit» finde ich sehr ansprechend. Die Frage nach den Auswirkungen der vierten Industriellen Revolution und ob damit extrem viele Jobs verloren gehen und Arbeitslosigkeit droht oder nicht, ist aktuell. Für mich überraschend kommt die Information im Anriss: Bis 2030 fehlen rund eine halbe Million Arbeitskräfte? Ich hätte spontan eher das Gegenteil erwartet… Das klingt spannend und interessiert mich; deshalb lese ich denn auch dieses Interview auf den Seiten 66 und 67 als erstes. Mir fällt das ansprechende Layout auf, das grosse Bild von Burth Tschudi gefällt mir gut, der Titel im Kontext zum gut formulierten Lead ist ansprechend.

Das Interview selbst hat an einigen Stellen etwas Luft. Meines Erachtens weist es Stellen auf, die man besser hätte redigieren können. Formulierungen wie «Umwälzungen und Veränderungen», «richtige Weiterbildung aktiv fördern und fordern» kann man kürzen. Auch die Fragen sind mir teilweise zu lang und zu umständlich formuliert; mir werden auch zu viele Bezüge zu Studien gemacht. Der Rhythmus des Gesprächs, also der Wechsel zwischen konkreter und System-Ebene und zwischen langen und kurzen Fragen und Antworten, gefällt mir jedoch gut. Das Gespräch hat einen erkennbaren roten Faden und einen guten Spannungsbogen. Bei den Textboxen daneben habe ich mich gefragt, warum hier die Interviewform (Frage/Antwort) gewählt wurde.

Anschliessend an das Titelthema habe ich das Dossier hinten im Heft durchgeblättert, ohne aus spontanem Interesse mit Lesen zu beginnen – worauf ich wieder beim Inhaltsverzeichnis und dann bei der Kolumne «Res publica» von Nadine Jürgensen gelandet bin. Sowohl die Kurzbiographie der Autorin als auch das Thema «Engagement in der Arbeitswelt» sprechen mich spontan sehr an. Die Kolumne ist sehr gut geschrieben und auch konkret. Einen Satz allerdings habe ich nicht verstanden: «Oder wollen wir, dass der Einsatz der Eltern künftig ausschliesslich von (schlechter bezahlten) Dritten ersetzt wird, damit ja keine Arbeitskraft verloren geht?» Nach mehrfachem Lesen ist mir noch immer nicht ganz klar, wen die Autorin mit den «schlechter bezahlten Dritten» meint und welchen Einsatz sie anspricht. Als Anregung wäre es allenfalls gut, mit einem anderen Satz einzusteigen, so dass der Leser sofort und unmittelbar im Thema drin ist und neugierig wird auf das, was folgt. Aus meiner Sicht hätten sich «krankes Kind im voraus planen» oder auch «engagierte Bürger sind meist auch engagierte Mitarbeiter» als Einstieg besser geeignet.

Als besonderen Fokus meiner Kritik untersuchte ich die Texteinstiege. Dabei habe ich alle Einstiegssätze der insgesamt 17 Artikel markiert und in folgende vier Kategorien eingeteilt (1 steht für «weniger ansprechend», 4 für «sehr ansprechend»):

4 – sehr ansprechende Texteinstiege: 2 («Ein Glas Wein mit Sven Mumenthaler», S. 34, und «Das dreifache Ende der Kunst», S. 44)
3 – ansprechende Texteinstiege: 5
2 – neutrale Texteinstiege: 5
1 – weniger ansprechende Texteinstiege: 5

Das Exemplar mit den markierten und kategorisierten Stellen steht der Redaktion zur Verfügung.

Aus meiner Sicht ist es wichtig, dass der erste Satz eines Texts den Leser direkt ins Thema, in das Geschehen hineinversetzt. Dies geschieht am leichtesten über einen konkreten, kurzen Satz. Idealerweise verblüfft er den Leser. Auch bei Interviews ist die erste Frage sehr wichtig.

Positiv aufgefallen sind mir die Anrisse in der Inhaltsübersicht auf Seite 5. Formulierungen wie «traf eine debattierfreudige Ökonomin» oder «beim gemeinsamen Mittagessen» schaffen Nähe zum Autor, zum Thema, zum Interviewten. Etwas irritiert hingegen war ich über die Formulierung «eine gut vorbereitete Ökonomin», denn meiner Meinung nach würde niemand von einem männlichen Interviewpartner explizit erwähnen, dass er gut vorbereitet war.

Weiter positiv aufgefallen ist mir das Format «Fehlerkultur» auf der letzten Seite. Es zeigt die Absicht der Redaktion, selbstkritisch mit den Lesern im Dialog sein zu wollen.


Edith Hollenstein
ist Redaktionsleiterin von Persoenlich.com.

Schweizer Monat / Ausgabe 1043
Februar 2017

Von Gaudenz Looser

 Vorbemerkung: Meine Blattkritik ist subjektiv, unmittelbar meinen Reaktionen während der Lektüre folgend. Ich bin der Meinung, so bringe sie der Redaktion am meisten – als ein authentisches Bild über die Wahrnehmung ihres Produktes durch einen ihrer Leser. Wenn die Redaktion am Ende darüber erleichtert ist, dass sie das Blatt machen und nicht ich, kann ich damit gut leben.

Ich stelle mir die Zielgruppe des «Schweizer Monats» wie folgt vor: gebildet, mit hoher wirtschaftlicher Potenz, wahrscheinlich schon seit Generationen Schweizer. Wichtiger: sie ist sehr gut informiert, geizig mit ihrer Zeit, schnell in ihrer Entscheidung, hart im Urteil.

Was will ein Angebot für diese Zielgruppe? Ich glaube:

  1. erstklassige Hintergrundinformation (Fakten)
  2. Denkanstösse auf höchstem Niveau (Meinung)
  3. elitäre Zerstreuung (Unterhaltung).

 

Der Themenüberblick vor der Lektüre
Aus der Sicht der von mir imaginierten Zielgruppe ist der Themenmix der Februarausgabe wenig überraschend, aber durchaus attraktiv: Intelligentes zum – nach wie vor grossteils rätselhaften – Thema Negativzinsen (Hoffmann/Schnabl; Geiger) ist hochwillkommen. Selbiges gilt für die SVP-Initiative (Saxer). Die Investmentgeschichte (Grob) sollte mal besser Hand und Fuss haben, die Zielgruppe ist da schliesslich zu Hause. Einen wirklich überraschenden Blick auf die Welt verspricht Roser (da habe ich allerdings schon auf Twitter nachgeschaut). Die Hochschulgeschichte (Dossier) bleibt rätselhaft, Longchamp (Nacht des Monats) müsste nicht sein.


DETAILS ZU DEN INHALTEN

Intro des Chefredaktors (Wiederstein)
Das Zitat als Parole des liberalen Geistes ist richtig und wichtig, das Lamento über den Niedergang der Eigenverantwortung für die Freiheit aber ein Abturner. Und: brauchen die (liberalen) Abonnenten wirklich diese ständige Selbstbestätigung? Mein Verdacht: der erste Absatz und das Zitat sind reine Warmschreiber. Die Substanz kommt ab dem zweiten Abschnitt, die Argumentationslinie ist aber leider nur summarisch skizziert: Da hätte ich gerne mehr gelesen. In Abschnitt drei kommt dann der langersehnte Pfeffer: Der Chefredaktor teilt aus, verteilt Prädikate und malt einen gewaltigen Gesellschaftskonflikt an die Wand – wow, das will ich lesen! (Bloss: Im richtigen Leben wäre ich beim zweiten Satz ausgestiegen).

Schwerpunkt Negativzins
Beim Text über die EZB (Hoffmann / Schnabl) wird das Produktversprechen uneingeschränkt eingelöst: Der Text ist von A bis Z dicht, strotzt von spannenden Fakten und – für mich – neuen Perspektiven auf das Thema und regt zum Denken an. Die explosiven Thesen kommen aber trotz drei Inhaltsverzeichnissen und einem Intro sehr überraschend. Auch Geiger ist erstklassig – man sollte seinen Input dringend vertiefen. Die alternativen Investments sind intelligente Unterhaltung – stellenweise vielleicht etwas zu subjektiv und für Menschen, die das Problem wirklich haben, etwas zu leicht.

Interview Max Roser (Kühni)
Grossartiger Einstiegssatz: «Es ist, als würde er täglich ein Licht anzünden.» Das bringt es sofort auf den Punkt: So will ich lesen. Das Interview liest sich fabelhaft, auch hier gilt: Über diesen Mann sollte man noch viel mehr schreiben. Optisch kommen mir aber sein Werk, die Grafiken, viel zu klein, das steinerne Oxford und die Bücherwürmerei viel zu gross raus – der mutmasslich angestrebte Kontrast kommt nicht zum Tragen. Und: auch hier sind die szenischen Informationen über die Autorin für die Geschichte nicht wesentlich.

Essay von Urs Saxer (Selbstbestimmungsinitiative)
Eine spannende Argumentation, Saxer scheint Vogt geradezu zu zerpflücken. Leider versäumt er es, dem Anliegen der Initiative auch konstruktiv zu begegnen und Ansätze zu einem Ausweg aufzuzeigen, was den schalen Nachgeschmack des politischen Geplänkels hinterlässt.

Dossier: Fachhochschulen
Titel: «Die Befähigungsinstitution»: Frech, ironisch (?), mal sehen.
Untertitel: «Wie innovativ sind Schweizer Fachhochschulen?»: Okay, ist darauf eine Antwort zu erwarten? Die sechs Storytitel versprechen nichts dergleichen. Eine Einleitung, die mit «Vor gut 20 Jahren» beginnt, will ich aufgrund des bis hierher entstandenen Informationsvakuums nicht lesen. Nach «Unter dem Banner ‹Gleichwertig, aber andersartig›» steige ich aus: Ich will keine Festreden lesen. Dann: schöne, farbige Grafiken, aber ihre Aussagen ziehen mich auch nicht zurück in den Text. Erst bei Patrik Schellenbauer gelingt mir wieder der Einstieg. Er kommt sofort auf den Punkt, beschreibt echte Spannungsfelder. Bernhard Pulvers Text ist gut geschrieben, aber inhaltlich kaum überraschend. Der Geschmack der Festrede will nicht ganz weichen.


Fazit
Das von mir angenommene Produktversprechen wurde vielerorts eingelöst: Ich war während der Lektüre mehrfach von Ideen elektrisiert und werde meine Mitarbeiter umgehend anhalten, den «Schweizer Monat» aufmerksam zu verfolgen. Für eilige und extrem schnell gelangweilte Leser ist es aber bisweilen mühselige Arbeit, bis zu diesen Juwelen vorzustossen. Das optische Understatement mag gewollt sein – mich macht es traurig. Meine These: Man könnte protestantisch-zurückhaltend bleiben und die erstklassigen Inhalte trotzdem besser – präziser und effektiver – verkaufen.


Gaudenz Looser
ist stv. Chefredaktor von «20 Minuten».