Der Name Beltracchi steht für einen der weltweit grössten ­Kunstfälscherskandale der Geschichte. Bis 2010 malte Wolfgang Beltracchi rund 300 Gemälde unter dem Namen berühmter Künstler. Er übernahm deren künstlerische Handschrift und täuschte damit zig anerkannte Experten, die die Fälschungen als authentische, bisher unbekannte Werke verifizierten. In knapp 40 Jahren ahmte Beltracchi so rund 100 Maler nach: Expressionisten, Impressionisten, alte Meister – bis ihn eine Farbanalyse auffliegen liess. Seine Frau ­Helene war für den Verkauf der Bilder und die Kontakte zu den ­Galerien und Auktionshäusern zuständig. In einem aufsehen­erregenden Prozess wurden die Beltracchis 2011 (nach 14 Monaten Untersuchungshaft) zu sechs bzw. vier Jahren Haft im offenen ­Vollzug verurteilt. Beide wurden wegen guter Führung frühzeitig ­entlassen. Die Schulden sind inzwischen abbezahlt, aber ein Grossteil der gefälschten Bilder ist weiterhin unentdeckt im Umlauf. Beltracchi malt heute teils immer noch mit der künstlerischen ­Handschrift anderer, aber unter eigenem Namen. Mit seiner Frau ­arbeitet er an diversen Buch-,Film- und Fernsehprojekten. Ein Besuch in ihrem neuen Atelier am Vierwaldstättersee.

Herr Beltracchi, was macht die Kunst?
Die hält mich ganz schön auf Trab. Wir haben viele Anfragen, Fernseh- und Buchprojekte. Ich komme kaum mehr zum Malen. Früher, als mich niemand kannte, war es fast angenehmer. Da hatte ich meine Ruhe und war reich.

Der Ruhm kam ja erst, als Ihre kriminellen Machenschaften aufflogen. Nun sind Sie beide zwar zu Recht verurteilt worden, aber die breite Masse liebt Sie dennoch, denn Sie hatten damals – quasi im Vorbeigehen – den undurchsichtigen Kunstbetrieb vorgeführt, der sich ja gern so diskret und moralisch unantastbar gibt, während er mit astronomischen Summen und akademischen Floskeln jongliert.

HB: Ja, aber wenn du aus dem Gefängnis herauskommst, hast du erst mal das Problem zu überleben. Und dann kannst du für dich entscheiden, aktiv mit dieser neuen Öffentlichkeit umzugehen. So viel wollten wir eigentlich nie haben. Aber es ist spannend.

WB: Der Kick früher war, dass die Experten alle sagten: Ah klar, ist «mein Maler», sieht man sofort. Das hat mir gereicht.

Können Sie uns das Aneignen eines fremden Malstiles genauer erklären?
WB: Jeder Künstler malt anders, hat einen anderen Duktus, einen anderen Strich, seine Bewegung. Wenn ich ein Bild anschaue, dann sehe ich diese Bewegungen. Ich kann sie einfach absorbieren und wiedergeben. Das ist zuweilen anstrengend. Ich mach das nur noch, wenn ich’s brauche. Wenn ich zum Beispiel einen Modigliani malen will: Dann gehe ich kurz ins Museum und schaue mir einen originalen Modigliani an, und am nächsten Morgen male ich dann ein neues Modigliani-Bild. Jede Handschrift, die ich einmal ver­innerlicht und gemacht habe, kann ich jederzeit wieder abrufen.

Warum haben Sie sich, statt einen eigenen, wiedererkennbaren Stil mit eigener Handschrift zu prägen, für die Aneignung anderer und die Täuschung entschieden?
WB: Das ist ja am Anfang parallel gelaufen. Ich habe immer auch eigene Bilder gemalt, wenn man das mal als eigene Handschrift bezeichnen will. 1975 habe ich erste Bilder im Stil anderer gemacht. Das war keine bewusste Entscheidung: so, ich werde jetzt Fälscher. Es ist einfach aus meinen Lebensumständen entstanden, aus meiner Fähigkeit. Meine eigenen Bilder damals waren eine Art Neosurrealismus, damit hatte ich schnell Erfolg. Ich hätte sehr gut davon leben können und ich wäre wahrscheinlich auch ziemlich schnell berühmter geworden. Aber ich hätte dann immer so was malen müssen. Allein der Gedanke hat mich schon fertiggemacht. Da habe ich gesagt: ne, mach ich nicht.

HB: Wolfgang ist überzeugt, dass das seine Kreativität kaputtmacht.

WB: Und es war wohl auch ein Aufbegehren gegen das System: was völlig anderes zu machen. Mir war anfänglich nicht so bewusst, dass das jetzt kriminell war. Irgendwann also habe ich mal ein Bild falsch signiert. Dann immer öfter. Und irgendwann hast du dich dran gewöhnt. Da sieht man das gar nicht mehr. Und das war ja auch eine Geschichte, die über Jahrzehnte lief. Das normalisiert sich. Fast vierzig Jahre, eine lange Zeit.

Wie hält man das geheim – sogar vor seinen eigenen Kindern?
WB: Ich hatte ein Atelier, wo ich nur ein paar Bilder stehen hatte, an denen ich offiziell malte. Also die eigenen. Und die sind nie fertig geworden. Und nachts habe ich dann an den anderen gemalt. Ich habe auch nicht jeden Tag gemalt, nicht mal jedes Jahr. Ich hatte meine Phasen, das hatte ich schon gut getimt.

HB: Unsere Freunde dachten, wir handelten mit Kunst und verdienten so unser Geld. In Frankreich fragt dich ohnehin niemand, womit du dein Geld verdienst. Die Franzosen reden nicht über Geld. Beim Essen redet man über Essen, über Sex, aber nicht über Geld.

Gestolpert sind Sie letztlich über einen Heinrich Campendonk und die Verwendung eines Titanweiss, das zum Zeitpunkt der angeblichen Entstehung des Gemäldes 1914 noch gar nicht von ihm verwendet wurde. Auch die erfundenen Aufkleber der Galerie Flechtheim haben immer mehr Fragen aufgeworfen – hat sich der Crash angekündigt?
WB: Ja, wir wussten: jetzt fängt die Kiste Brand, es läuft nicht mehr lange gut. Eigentlich hatten wir noch einen letzten grossen Plan: ich male noch zwei letzte Bilder – einen Derain und einen Léger. Vom Derain kaufen wir uns einen kleinen Palazzo in Venedig und vom Léger leben und forschen wir fünf Jahre über die Renaissance. Mit dem Ziel, das absolute Renaissancebild zu malen. Ich hatte die beiden Bilder schon fertig und von verschiedenen Händlern auch schon ein Angebot von zehn Millionen Euro auf dem Tisch, da sollte ich nur noch unterschreiben…

…dann: Zelle statt Palazzo! Wie lief die Verhaftung ab?
HB: Wir haben in Frankreich vernommen, dass unser Haus in Deutschland durchsucht werde. Da haben wir sofort beschlossen, zurückzufahren und uns zu stellen.

WB: Kaum in Deutschland angekommen, hat uns die Polizei mit Blaulicht verfolgt, inklusive Strassensperren, vorgehaltener Schusswaffen, Hunden, so richtig die amerikanische Nummer. Schliesslich hat man uns in Handschellen getrennt voneinander abgeführt.

Im Prozess wurden nur 14 Bilder verhandelt, von rund 60 Ihrer Fälschungen hat man heute Kenntnis. Sie sagten aber mehrfach, Sie hätten über die fast 40 Jahre wohl gegen 300 Bilder geschaffen. Also sind noch über 200 Fälschungen im Umlauf. Warum schweigen Sie? Können und wollen Sie das je offenlegen?
WB: Weltweit haben wir nur mit acht bis zehn Händlern zusammengearbeitet. Nur grosse Auktionshäuser und Institutionen. Doch die konnten anscheinend die Leute nicht finden, an die sie die Bilder weiterverkauft haben. Wie weit sie ihre Kunden wirklich informierten, weiss ich nicht. Einige Händler haben sich auch nicht gemeldet. Zudem haben die Ermittler ja nur die Bilder finden können, die diese enttarnten Flechtheim-Labels hatten.

HB: Im Rahmen der Insolvenz schrieb man diese Leute an und teilte ihnen mit, dass sie falsche Kunst von uns gekauft hätten und dass sie ihre Forderungen beim Insolvenzverwalter anmelden sollen. Die Gläubiger wissen, wohin sie verkauft haben, und dann müsste irgendwann mal diese Kette aufgelöst sein. Nur haben wir relativ schnell festgestellt, dass gar kein Bedarf bestand, von dieser Seite etwas aufzulösen.

WB: Die Leute wollen ihre Bilder nicht outen. Und wir können das nicht tun, denn dann schaden wir denen wirklich. Und warum sollten wir das tun? Die Bilder sind in den Werkverzeichnissen, die haben ein Gutachten, die haben alles.

Und wenn sich doch noch einer meldet?
WB: Wenn jemand nachfragt, dann gebe ich ehrlich Antwort. Wenn’s von mir ist, sage ich das.

Wie haben Sie beide die Zeit im Gefängnis – bzw. die Untersuchungshaft – erlebt?

WB: Als wir da reingingen, waren wir reich und hatten alles, was man sich vorstellen kann. 14 Monate später verlässt du den Gerichtssaal, hast noch 7,90 Euro – die einmalige Zahlung der Strafvollzugsbehörden –, kein Telefon, kein Bankkonto, keine Wohnung, kein Auto. Nichts ausser Schulden. Die machen dich wirklich fertig. 

HB: Der normale Weg des deutschen Strafgefangenen ist eigentlich ein Weg in den Abgrund. 7,90 Euro, das ist das Ticket zum Sozialamt und dann auf die Platte.

WB: Da konnte man mal sehen, wer jetzt die wirklichen Freunde waren und wer nicht. Als wir rauskamen, hat uns erst einer bei sich untergebracht, ein anderer hat uns ein altes Auto gegeben, ein weiterer etwas Geld, meine Tochter bekam für das letzte Jahr das Schulgeld in Form eines Stipendiums. Ein halbes Jahr nach Beginn des offenen Vollzugs haben wir uns wieder selbständig gemacht – als Künstler.

Bei den deutschen Galeristen stehen Sie allerdings auf einer schwarzen Liste.
WB: Ja, der deutsche Galeristenverband schmeisst jeden raus, der mich ausstellt. Weniger schlimm war es hier in der Schweiz. Aber auch hier ist bei einer Podiumsdiskussion zu «Ethik und Kunst» einer der Diskussionsteilnehmer während des Gesprächs auf­gestanden und hat gesagt: «Ich kann Ihnen nur raten, keinen ‹Beltracchi› zu kaufen, das ist keine nachhaltige Kunst. Lassen Sie sich nicht einwickeln, nur weil der bereut. Er hat es gemacht und ausserdem: wer ein Mörder war, ist immer noch ein Mörder.» Das hat dann die Diskussion ganz schön angekurbelt.

Würden Sie nach allem, was Sie erlebt haben – Fälscherkarriere, Geld, Verhaftung, Untersuchungshaft, offener Vollzug, zweite Karriere –, sagen: «Es hat sich gelohnt, den Weg des Betrugs zu gehen»?
WB: Also nochmal machen würde ich es nicht. Aber das ist ja nicht der entscheidende Punkt. Die Frage sollte lauten: War die Zeit toll, hat es Spass gemacht? Da muss ich sagen: ja, es war einfach spitze!

Ich kann mir vorstellen, dass Sie beide– nicht zuletzt auch durch den Prozess – nun noch besser verstehen, wie der Kunstmarkt funktioniert.
WB: Mit der Einsicht in etwa 20 000 Seiten Akten und den ganzen Aussagen der Kunsthändler verstehen wir nun sogar viel besser, was da passiert im Hintergrund. Wir haben ja nur die Bilder verkauft und dann war das für uns gegessen. Was danach aber abgeht, da fasst du dir an den Kopf!

Was halten Sie also von der Weltrekordauktion eines Leonardo da Vinci, der jüngst bei Christie’s für 450 Mio. USD versteigert wurde? Zumal immer noch umstritten ist, ob er überhaupt ein echter Leonardo sei.
WB: Wenn ich eines kann, dann Handschriften von Künstlern erkennen, und ich sage Ihnen: das ist kein Leonardo. Das bisschen, was da überhaupt noch Original ist. Dieses Bild ist eine Zumutung für Leonardo, das hätte der niemals so schlecht gemalt. Der würde sich im Grab umdrehen. Das Auktionshaus konnte damit aber 50 bis 100 Millionen verdienen, also versteigern sie das Ding.

Sie könnten das besser?
WB: Klar. Leonardo da Vinci ist nicht schwer.

Sind Sie nie wieder in Versuchung gekommen?
WB: Ich habe sogar Anfragen gekriegt, als ich noch im Vollzug war.

Ein unmoralisches Angebot?
HB: Die Idee war genial, aber absolut unmoralisch. Man schafft einen Kunstfonds in Hongkong, in diesem Fonds sind teilweise echte Bilder und teilweise austauschbare. Die haben Wolfgang angefragt, ob er zehn Bilder für zwanzig Millionen malen würde. Argument war: Die Anleger würden die Gemälde nie sehen. Der Fonds würde nach fünf Jahren aufgelöst und jedwede kriminelle Handlung wäre verjährt. Unsere Antwort: Nein, kein Interesse. Dann kam zwei Wochen später ein weiteres Schreiben: zwei Bilder, zwanzig Millionen.

WB: Ich könnte heute Bilder malen, die noch besser sind als früher, die aber auch wirklich niemand naturwissenschaftlich aufdecken könnte. Weil ich einfach dieses ganze Prozedere nun noch genauer kenne und weil ich weiss, was möglich und was nicht möglich ist. Aber ich will das nicht mehr, wozu auch?

Wie vielen – nicht eigenen – Fälschungen sind Sie schon begegnet?
WB: Im Hochpreisniveau, würde ich sagen, sind etwa 5 Prozent reine Fälschungen, dann gibt es noch falsche Zuschreibungen. Ich sehe das ja immer sofort.

Was macht einen guten Fälscher aus?
WB: Er muss Restaurator sein, Naturwissenschafter, Maler und Kunsthistoriker. Das sind die Grundvoraussetzungen. Kunsthistoriker ist vielleicht gar das Wichtigste. Und natürlich muss er auch diese Handschriften erkennen können. Das können die wenigsten. Ich habe einige Fälscher durch Literatur und Medien kennengelernt. Die meisten sind auf einen Maler spezialisiert, manchmal auch zwei, drei. Ein gutes Beispiel ist der Niederländer Han van Meegeren, der hat auch nur drei oder vier Maler gemacht. Die meisten haben sich in einem kleinen Rahmen bewegt...

Mit welchen Künstlern haben Sie angefangen?
WB: Zuerst mit Niederländern des 17. Jahrhunderts, später mit rheinischen Expressionisten. Die meisten haben noch heute keinen grossen kommerziellen Wert, aber die haben mich interessiert. Da war Campendonk dabei, August Macke, Helmuth Macke, Heinrich Nauen. Helmuth Macke habe ich schon anfangs der 80er Jahre gemacht. Als es 1991 eine Retrospektive im Museum in Krefeld gab, war das Ausstellungsplakat ein Bild von mir. Und dann explodierten die Preise. Ein Beispiel: 1985 habe ich einen Campendonk an die Hutton Gallery in New York verkauft für 25 000 Dollar. 2009 haben wir dasselbe Bild dann auf der Art Basel für 2,2 Millionen Euro gesehen.

Was geschah mit den Marktpreisen der Künstler, nachdem herausgekommen war, dass einige ihrer besten und teuersten Werke von Beltracchi waren?
WB: Durch die Fälschungen stieg der Marktwert einiger Künstler extrem. Der Wert des gefälschten Bildes zerfiel natürlich, aber der allgemeine Marktpreis des Künstlers hielt sich unverändert hoch, teils stiegen die Preise sogar weiter, zum Beispiel bei Campendonk oder auch bei Max Ernst. Daniel Filipacchi hat seinen riesigen Ernst noch immer in seinem Apartment hängen. Es ist ihm egal, dass Max Ernst draufsteht. Er weiss jetzt, dass es ein Beltracchi ist. Er hat mal knapp sieben Millionen dafür bezahlt, das ist ein bisschen viel für einen Beltracchi, aber: nur im Moment.

Wie verdienen Sie heute Ihr Geld?
WB: Ich habe kürzlich für «Art on Ice» im Hallenstadion Zürich die ganze Ausstattung produziert und für Ford habe ich einen Fiesta bemalt. Und dann mal ich ja auch Porträts. Rund vier Stück im Jahr. Damit decke ich die laufenden Kosten. Das ist das, was man vielleicht in der Renaissance als Logenporträt bezeichnet hat: Auftragsmalerei.

Wie viel kostet heute ein Beltracchi?
WB: Ein kleines Porträt um die 50 000 Euro. Grössere, aufwendige Gemälde und Skulpturen können schon mal 150 000 Euro und mehr kosten. Zeichnungen gibt es schon ab 20 000 Euro.

Was hat sich an Ihrer Art zu malen geändert, seit Sie öffentliche Kunst unter eigenem Namen machen?
WB: Der Antrieb ist ähnlich. Aber ich kann jetzt aus meinem ganzen Wissen schöpfen, ohne dass ich etwas verstecken muss. Ich kann auch Grenzen überschreiten. Früher musste ich auf dem Grat bleiben, den der von mir gemalte Künstler nie verlassen hat. Wenn ich etwas gemalt habe aus der Zeit von 1910, durfte ich nichts machen, was die noch nicht kannten. Heute mische ich auch Handschriften.

Was ist wichtiger: Talent oder Vermarktung?
WB: Ich gab letzthin einen Vortrag an der Zürcher Hochschule der Künste vor rund 1000 Studierenden. Denen habe ich gesagt: Unter euch hier, einschliesslich der Professoren, ist wahrscheinlich niemand, der Talent hat. Das ist die schlechte Nachricht. Die gute Nachricht ist: Talent braucht ihr auch nicht. Denn es gibt ganz viele berühmte Künstler, die absolut talentfrei waren oder sind. Ich fragte einen befreundeten Professor an der Ecole Beaux-Arts in Paris: Wie viele talentierte Schüler hast du in den 20 Jahren Unterricht gehabt? Er hat lange überlegt: drei. Aus denen ist aber nichts geworden, die konnten sich nicht vermarkten.

Taugen Kunstschulen? Sie haben Ihre Ausbildung auch vorzeitig abgebrochen.
WB: Heute bilden Kunstakademien Tausende junge Menschen mangelhaft aus, die sind bereits von vornherein zur Arbeitslosigkeit verurteilt. Als ich auf der Werkkunstschule in Aachen war, hat der Prof. noch radikal ausgemistet. Im ersten Semester hat er noch nichts gesagt, nur ein bisschen verbessert. Im zweiten Semester ist er rumgegangen und hat gefragt: Wie war das noch mit Ihrem Berufswunsch? Was wollen Sie werden? Und tschüss. Der konnte das noch entscheiden, ob er einen Sinn drin sah. Wir waren noch drei zum Schluss, drei. Ich denke, das ist möglicherweise der bessere Weg. Es gibt einfach zu viel «Kunst aus Unvermögen» – produziert von schlecht ausgebildeten Künstlern, die ihr Handwerk nicht verstehen. Das Hauptproblem sind aber weniger die Studenten, sondern die Professoren. Weil die nämlich auch nichts können.

Woran malen Sie gerade?
WB: An einem grossen Zyklus «Kairos, der richtige Moment».

HB: Wolfgang versucht, jene Bilder zu malen, die die grossen Meister hätten malen können. Es geht um die gemalten Momente, die in der Kunstgeschichte der letzten 2000 Jahre fehlen.

WB: Ab Oktober gehen wir damit auf Tournee, erst in der Biblioteca Nazionale Marciana in Venedig, dann Hamburg, München und Wien. Zu insgesamt 23 Kairoi sollen etwa 30 Gemälde entstehen. Wir fangen mit römischen Fresken an und hören so um 1945 auf. Ein Riesen­konzept. Hat auch viel mit Wahrheit und Mythen­bildung zu tun.

Inwiefern?
WB: Weil wir Momente malen, die nie gemalt worden sind. Neben historischen Ereignissen geht es auch um Mythen. Die Geschichten sind also nicht unbedingt wahr. Das sind vielleicht auch nur Vorstellungen – seit Vasari sind ja diese Künstlermythen entstanden: wer und was die sind oder waren. Und das stimmt natürlich so ziemlich alles nicht. Das sind eben Mythen. Aber genau davon leben wir – alle Künstler.

Was würden Sie denn als Ziel und Essenz Ihrer Kunst bezeichnen?
WB: Am Ende freue ich mich, wenn ich etwas geschaffen habe, das andere Menschen anspricht und berührt. Vor ein paar Jahren schrieb mir z.B. ein Mann, der unsere TV-Sendungen gesehen hat, dass die Sendung ihm das Leben gerettet habe. Er lag mehrere Jahre im Krankenhaus, ab dem Hals querschnittsgelähmt. Nach der Sendung habe er sich gedacht: «Toll! So was könnte ich doch machen!» Also hat er angefangen, mit dem Mund zu malen. Er hat mir nun dieses Bild geschickt (zeigt Photo). Dieses kleine, naive Werk mag möglicherweise niemand mit grosser Kunst in Verbindung bringen, weil es so banal daherkommt. Aber dieses kleine Bild beinhaltet für mich die profunde Wahrheit der Kunst. Dieses kleine Werk veränderte ein ganzes Leben. Es rettet dem Maler dieses Bildes das Leben. Wenn es gelingt, mit Kunst auch nur ein Leben zu retten, dann hat die Kunst ihre Wahrheit erfüllt. Mit dem einen veränderten Leben verändert sich die Welt.

HB: Es gibt aber auch noch eine andere Ebene neben der künst­lerischen Tätigkeit. Wir sind ja so etwas wie das «wilde Aussen». Früher war unsere Beeinflussung subversiv, nicht öffentlich, aber wir haben zur Wahrheit etwas beigetragen. Durch unsere neue Öffentlichkeit haben wir nun eine aufklärende Funktion übernommen. 

Das klingt, als werde Ihr Leben immer mehr Ihr eigentliches Werk.
WB: Das ist ja auch das Erstrebenswerte – und die Schlussaussage fast aller meiner Vorträge: Unser aller Leben ist das einzig wichtige Kunstwerk, das wir schaffen können. Wir alle haben eine einmalige Gelegenheit. Tatsächlich wollten auch schon einige unser Leben verfilmen. Etwa Constantin Film, Netflix will eine Serie ­machen, auch LBI Entertainment, die Firma, die Leonardo DiCaprio unter Vertrag hat, wollte einen Spielfilm machen. Aber das wäre dann so was im Stil von «Catch me if you can» geworden. Wir haben schon drei Drehbücher abgelehnt – weil wir sagen: unser Leben…

HB: …unsere Geschichte ist noch nicht zu Ende erzählt.

WB: Ich möchte eben, dass es nicht nur diese Kriminalgeschichte ist. Es muss eine Geschichte sein, die danach weitergeht. Und: wir wollen noch das eiserne Gesetz brechen, wonach ein Fälscher niemals Künstler werden kann. Wenn wir das geschafft haben, verkaufen wir die Filmrechte.


 

Wolfgang und Helene Beltracchi
leben als Künstlerpaar in Meggen (LU) und in Montpellier.


 

Johannes M. Hedinger
lebt und arbeitet als Künstler, Kunstwissenschafter, Kurator, Publizist und Dozent in Zürich und London. Er lehrt an der Zürcher Hochschule der Künste und an der Universität zu Köln.