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INTRO

«Das hochfliegende Wort Freiheit bedeutet hienieden, förcht ich, immer weniger, je mehr man’s sich ansieht.» – Wilhelm Busch
Von Michael Wiederstein

Lange Zeit empfand ich Freiheit als eine sehr abstrakte, also ziemlich uninteressante Sache. Das änderte sich schlagartig nach dem Abitur. Man nahm sie mir nämlich für neun Monate weg, die Freiheit. Während ich mich im Militärdienst von sadistischen Dummköpfen durch den Jahrhundertsommer 2003 brüllen lassen musste, begriff ich endlich, dass Freiheit ganz und gar unmittelbar ist. Wenn mich jemand fragt, was Freiheit für mich bedeute, antworte ich bis heute: In einem klapprigen Opel Corsa ein letztes Mal aus der Kaserne fahren, hupend, mit einer Immatrikulationsbescheinigung in der Tasche, das Studium und die Welt vor Augen – Normierung, Regeln, Dienstwege und Unteroffiziere im Rückspiegel.

Verstehen Sie mich nicht falsch: ich halte den Wehrdienst für eine prinzipiell sinnvolle Sache, eine Verteidigungsarmee auch – gerade angesichts des Zustands der Nato und neuer geopolitischer Bedrohungen in unmittelbarer Nachbarschaft. Persönlich aber ist mir vom Militär vor allem die Erfahrung echter Unfreiheit geblieben, und zwar eine so markante, dass Freiheit für mich stets eine fiebrige Sache sowohl des Kopfes als auch des Herzens geblieben ist.

Darum empöre ich mich immer mal wieder darüber, wie in bürgerlichen Kreisen über Freiheit und ihre Verteidigung gesprochen wird. Allzu oft klingt das so programmatisch, als befände man sich noch immer im Kalten Krieg, oder so nüchtern, als habe man es mit einer Rechenaufgabe aus der Oberstufe zu tun. Leidenschaftliche Erzählungen von individuellen Erfahrungen mit Freiheit und Unfreiheit? Fehlanzeige. Nicht einmal im innerliberalen Diskurs spielen sie eine Rolle. Wer freigiebig darüber redet, erntet misstrauische Blicke. Militär als Zwang? Aber bitte: Kohäsion! Uni als Identitätslabor? Abgehobene Elite! Narrenfreiheit und Abenteuergeist für junge Menschen? Sie Sozi! Gefühle? Sie Träumer! Opel? Peugeot!

Wer sich wundert, warum gerade junge Menschen, Familien oder Freigeister im politischen Liberalismus keine Zukunft sehen – obwohl er doch gerade diesen so offensichtlich viel zu bieten hätte –, muss nur einmal den medial erfolgreichen «Freiheitsverteidigern» aufmerksam zuhören. Es geht in den Reden und Wortmeldungen der meist älteren Herren viel um Budgets, Grenzen und Normen. Um Geld und um Zahlen, um Prinzipien und Konsequenzen. Aber es geht sehr selten um Mut, Aufbruch und Chancen. Man hat den Eindruck, dass die Freiheitskämpfer des 19. und 20. Jahrhunderts von einer Armada aus Buchhaltern verdrängt wurden, die mit ihrer Losung «weniger Staat» zwar nicht falsch liegen, aber damit auch 2017 niemanden hinter dem Ofen hervorlocken werden.

Um zu verstehen, warum Freiheit erhaltenswert ist, braucht es echte Erfahrungen – und die Erzählungen davon. Denn letztere öffnen vielen Menschen die Tür zur liberalen Idee und der ihr zugrunde liegenden Geschichte, wie biographische Wortmeldungen freiheitlicher Vordenker zeigen: diese elende Enge von sozialistischen und faschistischen Regimes! Die Lust an einer Vielfalt von Möglichkeiten! Der unternehmerische oder künstlerische Traum, der in greifbarer Nähe scheint! Der Ärger über eine fürchterliche Ungerechtigkeit! Das Kasernentor im Rückspiegel!

Wer liberale Werte und Ideen stärken will, tut gut daran, bei aller notwendigen buchhalterischen Penibilität das Gefühl der Freiheit, das Unbändige und gleichzeitig Erhabene nicht aus den Augen zu verlieren – sondern zu thematisieren. Wer weiss, vielleicht finden sich auf diesem Wege sogar neue, motivierte Mitstreiter beim Projekt «weniger Staat»

 


Michael Wiederstein
Chefredaktor

 




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