Ist es nicht ganz einfach normal, wenn jemand, der etwas hat, auch etwas gibt? Darf man über ein Thema wie Grosszügigkeit sprechen, wenn man – als Stifterin – quasi selbst davon betroffen ist? Sollte man dies nicht besser der Wissenschaft oder den anderen überlassen? Ich gebe zu, mir gefällt die Vorsilbe «Gross» nicht. Sie passt nicht zur Bedeutung dieses Wortes, wie ich sie verstehe. Im Lexikon heisst es, zur «Grosszügigkeit» gehörten «Grossmut», auch «Grossherzigkeit». Wer die Vorsilbe weglässt, bleibt auf «Mut» und «Herzigkeit» sitzen.

Aber stimmt das wirklich? Ist das nicht eine etwas romantische deutsche Überhöhung einer Tätigkeit, die die Römer knapp als «Do ut des» bezeichnet haben? Ich gebe, damit du gibst. Dieser pragmatische Umgang mit dem Thema gefällt mir schon besser: Ich gebe etwas, damit etwas in Gang kommen kann.

Über Geld und Geben reden

Oft wird mir nach diesem Bekenntnis gleich die Frage gestellt, ob es denn genügend Gebende gebe. Oder ob die Gebenden die richtigen Gebenden seien. Interessant ist, dass diese Diskussionen vor allem um die finanziellen Geberinnen und Geber kreisen. Das Geben – in welcher Form auch immer – ist aber doch mehr, nämlich eine grundlegende Strategie sozialen Verhaltens und unabdingbar für unser aller Überleben. Mit dem Geben sind nicht nur finanzielle Mittel gemeint, sondern ebenso Zeit, Engagement, Arbeit. Geld zu geben ist nicht grosszügiger, als Zeit, Arbeit oder Engagement zu geben. Es handelt sich bloss um eine andere Währung des Gebens. Sie kann wie ein Dünger funktionieren, der allerdings auch im richtigen Zeitpunkt und in der richtigen Menge im richtigen Biotop eingesetzt werden muss, damit etwas wachsen kann. Und jede Hobbygärtnerin weiss, dass selbst der richtige Dünger allein noch keinen Garten zum Blühen bringt. Wichtig sind auch das Klima, die Qualität des Saatguts und natürlich die umsichtige Gartenarbeit.

Geben oder Stiften bedeutet stets teilen. Das heisst: wer Geld teilt, hat danach weniger, wer seine Zeit investiert, ebenso. Es gibt dabei kein besseres oder schlechteres Geben, das Geben ist ein sozialer Austausch. Und ja, es ist einer, an dem jeder einzelne beteiligt und stärker engagiert sein sollte – mit den ihm zur Verfügung stehenden eigenen Mitteln. Um diesen Gedanken des Gebens stärker zu teilen, ist es notwendig, zunächst sorgfältig hinzuhören, wenn es ums Geben geht – um dann mehr Pragmatismus walten zu lassen und von der seltsam verschämten Aufblähung und Verzerrung im Hinblick auf das finanzielle Geben zu einem offenen, taktvollen und umfassenden Verständnis einer grundlegenden sozialen Praxis zu kommen.

Der Mensch ist zwar nicht per se altruistisch, aber er weiss in der Regel durchaus, dass er auf die Hilfe von anderen angewiesen war, ist oder sein wird. So gesehen ist ein Stifter kein heuchlerischer «Gutmensch», sondern vielleicht – wieder ohne Vorsilbe – nur ein Mensch, der weiss, dass er oder sie sein Geld nach dem Ableben nicht mitnehmen kann. Vielleicht sind Stifter Menschen, die auch sich selbst gegenüber grosszügig sein können. Nur wenn ich ein Motiv habe, mache ich mich unabhängig von Fremdinteressen und von der Meinung anderer. Ich muss verstehen, dass ich auch zur «Wohl-Täterin» werden könnte – und wo es Täter gibt, gibt es immer auch Opfer. Über das Motiv des eigenen Stiftens sollte sich jeder Geldgeber also im klaren sein. Denn: c’est le don qui fait la musique.

Coming-out

Die Stifterin sollte ihr Motiv dann auch kommunizieren, was sie zwangsläufig exponiert. Stifterin zu werden ist folglich eine Form des Coming-out, denn man gewinnt dadurch nicht nur Respekt und Dankbarkeit. Man «gewinnt» ebenfalls Geringschätzung, Häme und unzählige Bitten und Anfragen um Geld. Im Unterschied zum Sponsoring, bei dem es um gutes Product Placement und eine Aufwertung der Marke durch gemeinnütziges Handeln von Unternehmen geht, ist «Stifterin werden» eine weitaus persönlichere Angelegenheit. Ich muss mich dazu bekennen, dass ich Geld habe und gebe, und sobald ich mich entscheide, finanziell generös zu werden, muss ich auch üben, «Nein» zu sagen. Ich darf und soll meine Freiheit spüren, mir aber bei allem Drang zum Handeln der grundlegenden Verpflichtung, die ein Vermögen mitbringt, auch bewusst sein. Denn: c’est le donnateur qui fait la musique!

Geld allein reicht nicht

Ein Mutiger allein löst selten grosse Probleme, einige Mutige gemeinsam bringen oftmals mehr zustande. Im Grunde ist diese Haltung das Geheimnis der Zivilisation, mithin auch ein durchaus ehrenwertes Motiv zum Geben, aber der eigentliche Punkt ist: eine Stifterin handelt nie allein. Deshalb tut sie gut daran, ihre Handlungen mit anderen Akteuren zu orchestrieren. Um den eigenen Platz zu finden, muss sie sich fragen, was in dem gemeinnützigen Bereich, den sie unterstützen oder in den sie investieren will, sonst noch kreucht und fleucht. Denn: nicht alle Frösche wollen über die Strasse getragen werden. Nicht jedes Biotop verträgt Dünger, nicht jede Gemeinschaft mag Geber. Aber: je diverser und heterogener das Biotop bevölkert und bewirtschaftet ist, desto grösser ist die soziale Diversität.

Die Schweiz hat lange vom Vorteil dieser Vielfältigkeit, Dynamik und Lebendigkeit profitiert – heute ist er am Verschwinden. Das Milizsystem steht vor enormen Herausforderungen, auch darüber hinaus nimmt die freiwillige Kooperation ab, soziale Konventionen werden nicht mehr eingehalten, wir hören nicht mehr aufeinander, sondern schreien uns lieber an, werden einander zunehmend fremd. Gegen diese Entwicklung können auch noch so grosszügige Geldgeber allein nichts ausrichten. Wünschenswert wäre dagegen eine Gesellschaft, in der nicht nur seinesgleichen geholfen wird. Ein Land mit einem starken Willen zur gemeinsamen Lösungsfindung. Die Schweizer waren einmal gute Pragmatiker, heute haben sich viele von den anstehenden Problemen distanziert, letztere werden ignoriert oder sogenannten Fachleuten überlassen. Wahre Grosszügigkeit sieht anders aus.

Wir müssen uns selbst wieder mehr Sinn stiften. Es gibt mehr im Leben als nur Geld oder Leistung. Engagement lohnt sich auf allen Ebenen: Wer etwas tut für die Gemeinschaft, ist kein Gutmensch, sondern ein Mensch, der nicht nur mit sich selbst beschäftigt ist. Nur so ein Mensch hört die Musik in der Alltagsrealität unserer Gesellschaft, nur so ein Mensch kann durch diese so angeregt werden, etwas zu geben und im Orchester mitzuspielen. Oder: c’est la musique qui fait le don.


Beim vorliegenden Text handelt es sich um eine von der Autorin mit der Redaktion gekürzte und aktualisierte Rede, die sie anlässlich des 16. Schweizer Stiftungssymposiums am 7. Juni 2017 in Genf gehalten hat.


Monique Bär
ist Gründerin und Präsidentin der Arcas Foundation, Mitinitiantin der Foundation for Responsible Leadership in St. Gallen sowie Vorstandsmitglied von SwissFoundations. Sie lebt in Zürich.