Es ist wahr, dass ich, Markus Gabriel, Autor dieses Satzes bin; es ist wahr, dass 7+5 gleich 12 ist; es ist wahr, dass Markus Söder falsche Meinungen über das Verhältnis von Staat und Kirche hat; es ist wahr, dass Picasso ein erfolgreicherer Künstler als George Braque ist; und es ist wahr, dass man Kinder nicht foltern soll. Ausserdem war vieles schon wahr, ehe es Menschen gab, die sich überhaupt die Frage stellen konnten, was alles wahr ist. Es wird vieles wahr sein, wenn es keine Menschen mehr geben wird, z.B. dass es dann keine Menschen mehr gibt. Haben all diese Fälle eigentlich etwas gemein? Falls ja, so gibt es eine Eigenschaft des Wahrseins. Diese bezeichnen wir als «die Wahrheit». Wir sollten also zunächst zwischen der Wahrheit und dem Wahren unterscheiden. Das Wahre ist dasjenige, was wahr ist, während die Wahrheit die Eigenschaft ist, die alles Wahre gemein hat. In diesem Sinn kann man dann die grossen philosophischen Fragen stellen, was Wahrheit ist und ob es sie überhaupt gibt.

Man ist sehr schlecht beraten, die Existenz des Wahren zu bestreiten. Wenn nichts wahr ist, dann auch nicht, dass nichts wahr ist. Zwar wäre dann auch nichts falsch, aber es wäre ziemlicher Unsinn, sich selber oder irgendjemand anderen davon überzeugen zu wollen, dass nichts wahr ist. Wenn man von etwas überzeugt ist, das man in einen Aussagesatz packen kann, hält man es für wahr.

Aber vielleicht kann man die Existenz der Wahrheit bestreiten. Wenn es die Wahrheit nicht gäbe, könnte immer noch vieles wahr sein. Die vielen wahren Angelegenheiten teilten dann nur nicht die Eigenschaft der Wahrheit, da es diese nicht gäbe.

Es besteht ein weitgehender Dissens unter Philosophen in der Frage, was wir eigentlich meinen, wenn wir nach der Wahrheit fragen. Das spricht dafür, dass die Wahrheit uns Schwierigkeiten macht. Der Wahrheitsbegriff ist also umstritten. Gibt es ihn nicht oder können wir ihn aus irgendwelchen Gründen nicht entdecken, so können wir nicht mehr garantieren, dass es die Wahrheit, d.h. die Eigenschaft des Wahrseins, gibt.

Von Macht und Gerechtigkeit

Leider herrscht in der heutigen Öffentlichkeit eine viel schlimmere Verwirrung als diejenige, die ich gleich entknäulen werde. Denn viele meinen, dass im digitalen Zeitalter neue Öffentlichkeiten auftreten, die alle Wahrheit und alles Wahre in den Abgrund reissen, so dass man nicht mehr zwischen wahr und falsch, zwischen genuiner Information und «Fake News» unterscheiden kann. Diese Meinung ist zwar falsch, aber sie ist mächtig. Denn wenn etwa die Wähler in demokratischen Rechtsstaaten in ihrer Meinungsbildung nicht am Wahren orientiert sind, verkommt die öffentliche Debatte zum buchstäblichen Schlagabtausch, in dem es nur noch darum geht, dass eine Partei sich durchsetzt. Damit wird der Unterschied zwischen purer Macht und Gerechtigkeit zerstört. Frank Underwood – der US-Präsident der Netflix-Erfolgsserie «House of Cards» – drückt dies so aus: «There is no justice, only conquest.» Dies ist ein entferntes Zitat aus Platons «Politeia», in dem die These, Gerechtigkeit sei das Recht des Stärkeren, erörtert und gründlich widerlegt wird. Wer glaubt, es gebe keinen von der Moderne vorangetriebenen Klimawandel, oder wer die Zerstörung unserer Meere durch Plastikproduktion bestreitet, täuscht sich, weil er nicht weiss, was wahr ist. Es ist eben ein Irrtum, das Wahre für das Falsche oder umgekehrt zu halten, und ein Irrtum ist keine gute Grundlage für zielorientiertes Verhalten. Wenn ich meine, die Bundesregierung der Schweiz liege in Zürich, wird es mir schwerfallen, das Bundeshaus zu besuchen. Der Irrtum des digitalen Zeitalters, das sich selber noch nicht durchschaut, besteht darin, dass durch das Internet und seine neuen Öffentlichkeiten plötzlich alles anders wird. Es ist aber eben nicht plötzlich alles anders geworden. Wir kriegen nur mehr mit.

Es gab noch niemals einen so leichten und so umfangreichen Zugang zum Wahren wie im Informationszeitalter. Wir leben in einer Wissens- und Wahrheitsgesellschaft und wollen dies nicht wahrhaben – vielleicht weil viele meinen, das Zeitalter religiöser Verblendung und des Aberglaubens, dem wir mit Müh und Not durch Französische Revolution und Aufklärung entronnen sind, sei doch besser gewesen. Das eint wohl die christlichen und muslimischen Fundamentalisten von Bayern über Ungarn bis Syrien.

Theorien der Wahrheit

Zurück zur philosophischen Vernunft! Was also ist Wahrheit und gibt es sie? Gehen wir kurz die Hauptströmungen der Wahrheitstheorie durch, damit wir in diesem Forum der Öffentlichkeit erörtern können, was auf dem Spiel steht, ehe dann die Wahrheit über die Wahrheit festgehalten werden kann. Die bekanntesten Wahrheitstheorien sind:

1. Die Korrespondenztheorie

2. Die Kohärenztheorie

3. Die Konsenstheorie

4. Der Minimalismus

Die Korrespondenztheorie meint, die Wahrheit einer Aussage bestünde darin, dass sie mit der Wirklichkeit übereinstimmt. Die Aussage, dass der Kölner Dom in Köln steht, ist wahr, wenn es so ist, wie sie sagt. Die Wirklichkeit ist so, wie die Aussage behauptet, also ist sie wahr. Diese einfache Idee scheitert leider an sich selber. Wenn es wahr ist, dass Wahrheit eine Übereinstimmung von Aussage und Wirklichkeit ist, mit welcher Wirklichkeit stimmt diese Aussage überein? Man versteht, dass der Kölner Dom zur Wirklichkeit gehört. Aber gehört die Übereinstimmung von Wahrheit und Wirklichkeit etwa auch zur Wirklichkeit? Und selbst wenn man dies befriedigend beantworten könnte, erzeugte man das Problem, dass man nicht einsehen kann, wie wir jemals feststellen können, ob eine Aussage wahr ist. Wie sollen wir eine Aussage über den Kölner Dom mit dem Kölner Dom selber vergleichen, ohne den Kölner Dom und seinen Aufenthaltsort vorab zu kennen? Wenn wir den Kölner Dom aber schon erfasst und erkannt haben, stellt sich nicht mehr die Frage, ob es wahr ist, dass er in Köln steht.

Die Kohärenztheorie nimmt an, eine Aussage sei wahr, wenn sie mit anderen wahren Aussagen eng verknüpft ist, so dass sich Aussagen gegenseitig stützen. Diese Theorie ist extrem aussichtslos, da sie keinen Wahrheitsbegriff angibt, sondern sich darauf beruft, dass viele Wahrheiten irgendwie schon zusammen einen Wahrheitsbegriff ergeben. Doch das stimmt nicht, da aus vielem Wahrem nicht folgt, dass es zusammenhängt und dass darin die Wahrheit des Wahren besteht.

Die Konsenstheorie ist kaum der Rede wert, hatte aber einige Prominenz, weil Jürgen Habermas meinte, den demokratischen Rechtsstaat als Konsens- und Wahrheitsmaschine beschreiben zu können. Ich wünschte, er hätte recht! Das Problem der Konsenstheorie ist, dass die Übereinstimmung von Gruppen in der Frage, ob eine Aussage wahr ist, natürlich nicht damit identisch ist, dass die Aussage wahr ist. Daraus, dass Gruppenmitglieder Überzeugungen teilen, folgt nicht, dass diese wahrscheinlich wahr sind. Es kommt vielmehr darauf an, welche Gruppe richtig liegt, d.h. durch ihre Erfassung des Wahren bestimmt ist. Die Konsenstheorie hat also ihre Hausaufgaben nicht gemacht, weil sie die Frage nicht beantwortet, die an sie adressiert wurde (Was ist Wahrheit?).

Die beste der traditionellen Wahrheitstheorien ist der Minimalismus, den Paul Horwich in einem eleganten Büchlein mit dem bescheidenen Titel «Truth» verteidigt.1 In aller Kürze sagt diese Theorie, dass die Wahrheit nichts anderes sei als die Liste aller Aussagen der Form:

Der Satz «Schnee ist weiss» ist genau dann wahr, wenn Schnee (tatsächlich) weiss ist.

Mein Essay beginnt mit Aussagen, die man alle in dieses Schema eintragen kann. Der Wahrheitsbegriff ist dem Minimalismus zufolge einfach eine lange Liste von Wahrem, das einigen sehr einfachen Prinzipien untersteht, wie eben dem Prinzip:

Der Satz «S» ist genau dann wahr, wenn es so ist, wie «S» sagt.

Der Minimalismus war übrigens die erste abendländische Wahrheitstheorie und wurde von Aristoteles eingeführt. Dadurch wurde Aristoteles zum Begründer der Logik, die sich nämlich mit der Frage beschäftigt, wie man aus wahren Sätzen weitere wahre Sätze ableiten kann. Ohne Logik und Mathematik gäbe es kein Informationszeitalter. In gewisser Weise ist der Minimalismus insofern heute eine weltumspannende sozioökonomische Wirklichkeit geworden.2

Der Neue Realismus

Allerdings leiden alle Wahrheitstheorien, die ich angerissen habe, an einer Grundschwäche: sie reduzieren Wahrheit auf eine Eigenschaft von Aussagen bzw. Sätzen. Damit tragen sie dem Umstand nicht angemessen Rechnung, dass vieles auch dann wahr gewesen wäre, wenn es niemals Sprache und menschliches Denken gegeben hätte. Wir bringen weder das Wahre noch seine Wahrheit insgesamt hervor.

Deswegen setzt der Neue Realismus in der Gegenwartsphilosophie an einer ganz anderen Stelle an.3 Wahrheit wird nicht als Eigenschaft von Sätzen oder Aussagen verstanden, sondern vielmehr als eine Eigenschaft des Wirklichen. Dass es wahr ist, dass 7+5 gleich 12 ist, bedeutet, dass es wirklich so ist. Was wirklich der Fall ist, ist das Wahre. Das Wahre entsteht nicht durch Aktivitäten von Denkern und Sprechern, es wird nicht durch diskursive Praktiken konstruiert. Wir finden das Wahre heraus. Das nennt man in der Philosophie «Realismus». Neu an der ganzen Angelegenheit ist, dass das Wahre nicht vom Menschen her gedacht wird. Noch neuer ist, dass zwischen dem Wahrheitsbegriff und dem Wahren/Wirklichen konsequent unterschieden wird. Die konsequente Unterscheidung besteht darin, dass das Wahre nicht insgesamt eine Eigenschaft, die der Wahrheit, teilt. Doch das heisst nicht, dass es keine Wahrheit gibt oder dass wir sie nicht erkennen können. Vielmehr wird nur behauptet, dass Wahrheit in allen Fällen, in denen etwas wahr ist, letztlich in etwas anderem besteht.

Dass es wahr ist, dass Picassos Erfolg als Künstler jenen George Braques übertrifft, ist eine Folge davon, dass ihre Werke durch den Kunstmarkt und die Kenner wertgeschätzt wurden, doch die Wahrheit der Aussage selber besteht nicht in einer solchen Wertschätzung durch den Kunstmarkt, was man strikt trennen muss; dass es wahr ist, dass Angela Merkel (wieder einmal) Bundeskanzlerin der BRD ist, besteht in den Verhältnissen, die zwischen der Untermenge der Wähler im deutschen Volk und Angela Merkel sowie zwischen diesen Personen und verschiedenen Institutionen (Wahlrecht usw.) herrschen.

Der Neue Realismus arbeitet also sozusagen mit einer onto­logischen Version des Minimalismus. Das möchte ich abschliessend erläutern, um auf diese Weise meinen Beitrag zur Therapie der heute grassierenden Angst vor der Wahrheit und dem Wissen zu leisten.4 Die Wahrheit kommt nicht durch uns zustande. Wir finden sie. Was wir finden, sind Tatsachen. Tatsachen sind Strukturen, d.h. Zusammenhänge von existierenden Gegenständen. Die Wahrheit ist nichts anderes als die Art und Weise, wie Gegenstände in Tatsachen zusammenhängen. Dies variiert von Fall zu Fall. Ludwig Wittgenstein bringt dies auf den Punkt, wenn er in seiner «Logisch-Philosophischen Abhandlung» konstatiert: «Es gibt keine Ordnung der Dinge a priori.» (TLP, 5.634) Was wahr ist, ist der Fall. Nicht alles, was der Fall ist, hängt mit allem anderen, was der Fall ist, zusammen. Die Wirklichkeit ist ein Sammelsurium von Tatsachen, die keinen allumfassenden Sinnzusammenhang bilden. Das meine ich mit meinem Lieblingssatz, dass es die Welt nicht gibt. Es gibt keinen Allzusammenhang und deswegen ist Wahrheit auch keine Struktur, die sich über die Wirklichkeit legt und ihr eine Harmonie verleiht.

Wahrheit erfordert keinen Konsens

Mit uns hat die Wahrheit wenig zu tun. Sie ist nicht für uns Menschen geschaffen, da sie gar nicht geschaffen ist. Sie ist einfach nur da. Die Wahrheit ist in der Gestalt des Wahren offensichtlich. Es ist offensichtlich, dass Sie gerade diesen Satz lesen. Es ist offensichtlich, dass Sie bewusst sind und gerade nicht träumen, sonst könnten Sie ja diesen Satz nicht lesen. Es ist übrigens auch offensichtlich, dass nicht jede Handlung erlaubt ist, woraus folgt, dass es moralische Werte gibt, die wir nicht geschaffen haben und die nicht in Konventionen bestehen.5

Es kommt in der Philosophie alles auf die Anerkennung des Unterschieds zwischen Wahrheit und Fürwahrhalten an. Was wir für wahr halten, ist nicht automatisch dadurch wahr, dass wir es für wahr halten. Die rational durchgeführte Philosophie studiert seit ihren Anfängen bei Platon und Aristoteles den Menschen als das geistige Lebewesen, das sich täuschen kann. In der Philosophie geht es um Wahrheit genau deswegen, weil wir uns verständlich machen wollen, unter welchen Bedingungen wir sie verfehlen können.

Besonders an unserer heutigen Lage in den digitalisierten globalen Öffentlichkeiten ist, dass sich der Irrtum verbreitet, wir seien gar nicht wirklich fallibel, weil jede Meinung so gut wie jede andere ist. Wir müssen diesen Irrtum überwinden. Das schliesst einen Imperativ mit ein, uns auf die Werte der Demokratie zu besinnen. Die Demokratie und ihre Verteidigung der Meinungsfreiheit kann nicht darin bestehen, dass wir Unverhandelbares (wie die Demokratie selber und die Menschrechte, die sie stützen) zur Disposition stellen. Wir können und sollten schlicht nicht über alles abstimmen, weil nicht alles zur Abstimmung steht. Wahrheit ist nicht an Konsens und nicht einmal an Konsens­findung gebunden. Sie ist da und wird für all diejenigen heute zum Anstoss, die gerne die Wirklichkeit verdrängen wollen, um ihre unbegründeten Vorlieben zu Ungunsten derjenigen durchzu­setzen, die sich manipulieren lassen. Das Problem ist nicht, dass es keine Wahrheit gibt, sondern dass Demagogen verstehen vorzutäuschen, sie sei sehr schwer oder gar unmöglich zu erkennen.


1 Paul Horwich: Truth. Oxford: Oxford University Press, 1990. Wer sich in die philosophischen Details der Wahrheitstheorien einarbeiten möchte, dem sei empfohlen: Wolfgang Künne: Conceptions of Truth. Oxford: Oxford University Press, 2005.
2
Vgl. zu diesen Zusammenhängen Markus Gabriel: Der Sinn des Denkens. Berlin: Ullstein, 2018.
3
Vgl. dazu Markus Gabriel: Warum es die Welt nicht gibt. Berlin: Ullstein, 2013; Markus Gabriel (Hrsg.): Der Neue Realismus. Berlin: Suhrkamp, 2014.
4
Vgl. das wegweisende Buch von Paul Boghossian: Angst vor der Wahrheit. Ein Plädoyer gegen Relativismus und Konstruktivismus. Berlin: Suhrkamp, 2013.
5
Vgl. dazu ausführlicher Markus Gabriel: Unsere Werte. Berlin: Ullstein, erscheint voraussichtlich 2020.
Markus Gabriel
ist Philosophieprofessor an der Universität Bonn. Er ist Mitbegründer des «Neuen Realismus». Im September diesen Jahres erscheint sein neustes Buch «Der Sinn des Denkens» (Ullstein, 2018).